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Nachlese 8. Einheit (05.12.02)
Thesen, Themen und Materialien zur achten Vorlesungseinheit: Diskurstheorie
Textwelten - Der Ideologiebegriff
Althussers & der Cultural Studies und das Postulat der Historizität von
Texten (Koselleck, Cambridge School of Political Thought)
Nachlese von ALBERT
KRALER
[Das Problem des] immanent-geschichtlichen und zugleich
transzendenten, allgemeinen Charakter[s] philosophischer Begriffe (...)
erfordert (...) eine eingehendere Diskussion. Weit davon entfernt, nur eine
abstrakte Frage der Erkenntnistheorie oder eine pseudokonkrete Frage der Sprache
und ihres Gebrauchs zu sein, steht die Frage nach dem Status der
Allgemeinbegriffe im Zentrum des philosophischen Denkens überhaupt. Denn die
Behandlung der Allgemeinbegriffe offenbart die Stellung einer Philosophie in der
geistigen Kultur - ihre geschichtliche Funktion.
(Herbert Marcuse, Der
eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen
Industriegesellschaft, München: DTV, 1998, 215)
1.
IDEOLOGIE ALS STRUKTUR: LOUIS ALTHUSSER
(1918-1990)
A.
Althusser und der Neomarxismus
B.
Althussers Theorie der Ideologie
2.
IDEOLOGIE ALS ERGEBNIS VON BEDEUTUNGSKÄMPFEN: DIE BRITISCHEN CULTURAL STUDIES
UND DAS CENTRE FOR CONTEMPORARY CULTURAL STUDIES,
BIRMINGHAM
A. Zur
Begrifflichkeit: Kulturwissenschaften/ Cultural Studies/
Geisteswissenschaften
B. Die
britischen Cultural Studies/ das Centre for Contemporary Cultural Studies in
Birmingham
3.
GESCHICHTSWISSENSCHAFTLICHE INNOVATIONEN IN DER POLITISCHEN
IDEENGESCHICHTE
A.
Allgemein
B. Reinhart
Kosellecks begriffsgeschichtliche
"Grundlagenforschung"
C. Der
theoretische Ansatz der Cambridge School
4.
LITERATUR UND WEBLINKS
1. Ideologie als Struktur: Louis Althusser (1918-1990)
A. Althusser und der
Neomarxismus
Eine der einflussreichsten Theorien der Ideologie stammt vom französischen Marxisten Louis Althusser, der diese vor allem in seinem 1969 verfassten Text Idéologie et Appareils idéologiques d'État ("Ideologie und Ideologische Staatsapparate") ausgearbeitet hat.
Althussers Ideologiekonzeption stellt einen Versuch dar, den von ihm (und anderen) kritisierten "Vulgär-Ökonomismus" des orthodoxen Marxismus zu überwinden. Der Kern dieses Ökonomismus besteht in dem Axiom, dass letztlich alle kulturellen, geistigen und intellektuellen Erscheinungen sowie die rechtlichen und sozialen Institutionen (der sogenannte Überbau) einer Gesellschaft von den in ihr vorfindbaren Produktionsverhältnissen und Klassenstrukturen (der sogenannten Basis) abhänge. Die Kritik am Ökonomismus (man/frau kann auch sagen: Determinismus: die Basis determiniert den Überbau, d.h. die gesellschaftlichen Tiefenstrukturen bestimmen Form und Weise des Überbaus) bezweifelt die Vorrangstellung der Basis gegenüber dem Überbau und versucht die Eigenlogik sozialer, kultureller und ideologischer Phänomene herauszustreichen und ihr Verhältnis zu den basalen Strukturen einer Gesellschaft neu zu bestimmen.
Mit diesem Zugang bewegte sich Althusser in einem Feld, das vor ihm bereits
andere "Eurokommunisten" bzw. (neo-)marxistische Theoretiker mit jeweils
verschiedenen Ansätzen und Schwerpunkten beschritten haben. Als Gemeinsamkeit
dieser Ansätze kann das Bestreben gesehen werden, der Frage nach der Bedeutung
kultureller Phänomen (im weitesten Sinn) für die gesellschaftliche Entwicklung
nachzugehen und insbesondere zu analysieren, inwieweit "Kultur" ein wesentlicher
Faktor für die Veränderung bzw. für die Konservierung von gesellschaftlichen
"Tiefenstrukturen" (Schichtungsgefüge, "Klassenstrukturen",
Produktionsverhältnisse usw.) darstellt.
Abb. 1:
Als Vorläufer in diesem Sinn ist etwa der italienische Marxist, Politiker, Mitbegründer der KPI und "unfreiwillige" Theoretiker, Antonio Gramsci (1891-1937) zu nennen. Er wurde 1924 ins Parlament gewählt, vom Mussolini Regime 1926 verhaftet und 1928 schließlich zu 20 Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis, wo er 1937 verstarb, verfasste er zahlreiche kleinere Abhandlungen (die bearbeitete Sekundärliteratur zitierte er weitgehend aus dem Gedächtnis!) und entwickelte darin eine umfassende Theorie der Hegemonie und der Zivilgesellschaft. Ihm ging es darum zu zeigen, dass der das Scheitern des italienischen Kommunismus/ Sozialismus nicht zuletzt darauf zurückzuführen sei, dass der Kampf um die Vorherrschaft in Italien auf dem kulturellem Feld und in der Zivilgesellschaft verloren wurde. Gramsci analysiert die Vorherrschaft gesellschaftlicher Gruppen in der Zivil- und in der politischen Gesellschaft mit dem Begriff des "historischen Blocks". Ein historischer Block erweise sich eben dann als besonders "widerstandsfähig" und beständig, wenn es ihm gelingt, die Hegemonie über die Zivilgesellschaft ("Kultur", zivilgesellschaftliche Organisationen wie die Kirchen u.a.) zu erlangen. Eine besondere Rolle in der Artikulation von zivilgesellschaftlichen Anliegen kommt nach Gramsci den sogennanten "organischen Intellektuellen" zu - Intellektuelle, die in einer bestimmten gesellschaftlichen Klasse verortet sind, deren Horizont aber darüber hinausgeht und die somit in der Lage sind, Klasseninteressen/-positionen in Auseinandersetzungen mit gesamtgesellschaftlichen Positionen zu artikulieren. Die Hegemonietheorie Antonio Gramscis hat großen Einfluss auf Althusser ausgeübt. Sie fand ab den Sechziger Jahren auch große Resonanz in einem breiteren Kreis, unter anderem auch gerade bei Ansätzen, die sich mit Mikrostrukturen von Gesellschaften auseinandersetzen. Sein Ansatz erwies sich gerade für empirische, sozialgeschichtliche Arbeiten als äußerst fruchtbar und wurde zu einem wichtigen methodisch-theoretischen Bestandteil der britischen Cultural Studies (siehe unten).
Eine weitere, in der Vorlesung schon gestreifte (neo-)marxistische Theorierichtung, die sich fundamental mit der Bedeutung kultureller Phänomene für die Gesellschaft beschäftigte, nicht zuletzt aber aufgrund der Erfahrung der Nazi-Diktatur grundsätzlich eher pessimistisch ausgerichtet war, ist die sogenannte Frankfurter Schule, der Kreis von Intellektuellen um das Frankfurter Institut für Sozialforschung - u.a. Theodor W. Adorno (1903-1969), Max Horkheimer (1895-1973) und Herbert Marcuse (1898-1979), die aber zunächst vom französischen Neomarxismus kaum rezipiert wurde.
up
B. Althussers Theorie der
Ideologie
Für Althusser nimmt Ideologie einen zentralen Stellenwert ein. Während
er sie weiterhin dem gesellschaftlichen Überbau zuordnet (er spricht allerdings
von Überbau-Basis als Metapher), zeigt er ihre bestimmende Funktion für die
Reproduktion der Produktionsverhältnisse (der Basis) auf. Er unterscheidet dabei
historisch unterschiedliche und konkrete Ideologien von einer
abstrakten Ideologie. Letztere bezeichnet den Platz, den konkrete,
geschichtliche Ideologien in der Gesellschaftsstruktur einnehmen. Die IDEOLOGIE
(großgeschrieben) ist demnach geschichtslos, weil der Begriff im oben
skizzierten Sinn ein strukturalistischer, man könnte sagen "systemtheoretischer"
ist:
Zuvor einige Worte zur Begründung und
Rechtfertigung eines solchen Unternehmens der Formulierung einer Theorie der
Ideologie im Allgemeinen und nicht einer Theorie der spezifischen Ideologien,
die, in welcher Form auch immer (religiöser, moralischer, rechtlicher oder
politischer) immer nur Ausdruck von Klassenpositionen sind. Unter doppeltem
Aspekt also, wie soeben gezeigt wurde, gilt es, eine solche Theorie der
Ideologien in Angriff zu nehmen. Man wird sehen, dass eine Theorie der
Ideologien in letzter Instanz auf der Geschichte der Gesellschaftsformationen
basiert, also der in einer Gesellschaftsformation zusammengefassten
Produktionsweise und der in ihnen sich entwickelnden Klassenkämpfe. In diesem
Sinne ist es klar, dass von einer Theorie der Ideologien im Allgemeinen nicht
die Rede sein kann, denn die Ideologien, in der obigen zweifachen Weise
bestimmt, klassenmäßig und regional, haben eine Geschichte, deren Bestimmung in
letzter Instanz außerhalb der durch sie determinierten einzelnen Ideologien
liegt, obwohl sie sie betrifft. Wenn ich jedoch den Versuch unternehme, eine
Theorie der Ideologie im Allgemeinen zu formulieren, und diese Theorie eines der
Elemente ist, von denen die Theorien der Ideologien abhängen, so unterliegt dem
eine paradox erscheinende Auffassung, die ich folgendermaßen formuliere: Die
Ideologie hat keine Geschichte. Wie man sich erinnern wird, findet sich diese
Formulierung wörtlich in einem Abschnitt der "Deutschen Ideologie". Marx sagt
dies im Zusammenhang mit der Metaphysik, die, so heißt es dort, ebenso wenig
eine Geschichte besitzt wie die Moral (wir können hinzufügen: und alle anderen
Formen der Ideologie). (Louis Althusser, Ideologie und Ideologisches
Staatsapparate, erstmals 1969, deutsch, Printformat in: Marxismus und
Ideologie, Westberlin 1973: VSA, S.111-172.)
Ideologie ist nach Althusser eine bestimmte Organisation
sinngebender Praxis, die den Menschen als gesellschaftliches Subjekt
konstituiert. Sie ist ein Produkt gelebter Verhältnisse und zugleich ein
essentieller Mechanismus, mit dessen Hilfe die gesellschaftlichen Strukturen
reproduziert werden. Sie gehört also gewissermaßen zur
Gesellschaftsstruktur.
Ideologie ist nicht bloß eine Form des Bewusstseins, sondern
gewissermaßen materiell. Ihr Platz ist demnach nicht (nur) in den Köpfen von
Menschen, sondern in konkreten Institutionen, die er "Ideologische
Staatsapparate" nennt. Zu diesen zählt er u.a. die Schule (als den wichtigsten
ideologischen Staatsapparat), die Familie, das Justizsystem, das politische
System (Parteien) usw. Althusser hat demnach auch einen weiten Begriff von
Staat, dessen Aufgaben er nicht allein auf seine repressiven Funktionen
(Zwangsgewalt, Gewaltmonopol) und seine regulatorischen Funktionen (Regelung der
Ökonomie) beschränkt wissen will. Vielmehr ist der Staat in einem gewissen Sinn
all das, das die Reproduktion der gesellschaftlichen Verhältnisse erlaubt.
Althusser verschiebt dadurch auch die Grenze von "privat" und "öffentlich" und
begründet diese Operation damit, dass das Öffentliche erst durch den Staat
konstituiert wird, indem der Staat sich in seinem Regelungsanspruch bewusst auf
das Öffentliche beschränkt und sich (produktiv) vom Privaten zurückzieht (Vgl.
die feministische Kritik am Begriffspaar öffentlich-privat!). Althussers
Ideologietheorie ist somit auch eine Theorie des Staates.
Ideologie ist nicht eine verkehrte, illusionäre Repräsentation der
wirklichen Verhältnisse, sondern sie repräsentiert das imaginäre
Verhältnis der Menschen zu ihren Existenzbedingungen. Imaginär heißt dabei eben
nicht nichtexistent oder irreal, sondern bezeichnet lediglich, dass Verhältnisse
(egal welcher Art) immer produktiv mit Sinn erfüllt werden. Dieser Sinn wird
aber imaginiert, er ist nicht von vornherein in den Dingen oder in Beziehungen
zwischen verschiedenen Dingen. So ist die Bedeutung einer Gehaltserhöhung aus
sich selbst heraus nicht verständlich. Gehaltserhöhungen haben einen bestimmten
Platz in der Reproduktion kapitalistischer Gesellschaften - es gibt sie nur bei
unselbständig Beschäftigten und sie ist mehr als ein bloßer Zuwachs des Lohns,
sondern vermittelt Status, Anerkennung usw. , also Dinge, die für das
Selbstverständnis des Subjekts durchaus wesentlich sein können. Ideologie wirkt
also produktiv. Das heißt aber auch, Ideologie ist nicht einfach etwas, das
man/frau hat, z.b. ein bestimmtes gesellschaftliches Bewusstsein, eine
Identität, sondern Ideologie trägt wesentlich zur Konstitution des Individuums
bzw. seiner Identität, seines Selbst bei.
In Anlehnung an Jacques Lacans linguistische
Psychoanalyse bezeichnet Althusser diesen Konstitutionsprozess als "Anrufung"
der Individuen durch die Ideologie. Ideologie ist dabei immer verbunden mit
ritualisierten Praxen der Wiedererkennung. Das fängt auf einer ganz banalen
Ebene an (ich treffe einen Freund auf der Straße, der mich erkennt und dem ich
zu erkennen gebe, dass ich wiederum ihn erkenne, das ICH es bin, den er grüßt),
kann aber selbst im Alltag bereits komplexere Formen annehmen (ein Polizist
schreit mich an: "He sie da" - diese Alltagssequenz ist ein komplexes Ritual der
Kontrolle, das nicht nur mich in der konkreten Situation betrifft und eine
Beziehung zwischen mir und dem Polizisten etabliert, sondern mich - und alle
anderen Individuen - als kontrollbedürftige Subjekte konstituiert und
staatlicher Repression zugänglich macht).
Ideologie in diesem abstrakten und weitem Sinn ermöglicht die
Wiedererkennung der eigenen Subjektivität - als SELBST, als BürgerIn, als
Angehörige(r) einer Nation usw. Sie ermöglicht, dass das Subjekt
gesellschaftliche Verhältnisse als sinnvoll wahrnimmt.
Nach Althusser, erfüllen ideologische Staatsapparate eine fundamentale
Funktion in bezug auf die Reproduktion gesellschaftlicher Verhältnisse. Wie kann
man/frau sich das vorstellen? Und wie anschlussfähig ist der Theorieansatz für
den sozialwissenschaftlichen Mainstream? Das Schulsystem ist, wie oben
angeführt, eine der von Althusser angeführten ideologischen Staatsapparate, und
der für ihn wichtigste. Warum? Zum einen weil die Schulpflicht universal ist,
für alle Kinder ab einem gewissen alter gilt. In der Schule werden Fertigkeiten
(Skills) vermittelt (Lesen, Schreiben, Rechnen, Befolgen von
Aufgabenstellungen, Arbeiten innerhalb einer rigiden Zeitstruktur), die die
Heranwachsenden für den späteren Eintritt in das Berufsleben vorbereiten.
Zugleich vermittelt die Schule aber auch Wertvortstellungen in einem direkten
"dicken" Sinn (indem etwa im Deutschunterricht explizit bestimmte Sprachformen
des Deutschen als wertvoll und andere als minderwertig dargestellt werden - das
selbe gilt für Literatur, Musik, Geschichte usw.). In subtiler Weise vermittelt
sie aber weitere, für das Funktionieren kapitalistischer Gesellschaften
fundamentale Werte, z.B. legitimiert das Schulsystem Ungleichheit und
Ungleichbehandlung in einem allgemeinen Sinn (durch Schulnoten,
Aufnahmeprüfungen, Aufrückungsverfahren usw.), gleich wie sie in einem
spezifischen Sinn Statusunterschiede rechtfertigt (es wird als legitim
angesehen, dass Personen mit einem Pflichtschulabschluss für gewöhnlich einen
niedrigeren Berufsstatus (als Hilfsarbeiter, angelernte oder Facharbeiter)
einnehmen als Abgänger von höherbildenden Schulen oder Universitäten). Die
Schule vermittelt Werte, Einstellungen und Fertigkeiten, die wesentlich für die
"Verwendbarkeit" der so Sozialisierten im Produktionsprozess sind. In einer
kritischen Stoßrichtung kann so gezeigt werden, wie Menschen "konditioniert"
werden, um bestimmte Anforderungen zu erfüllen und wie bestimmte Vorstellungen
davon, was als "notwendiger" Bestandteil der Ausbildung erachtet wird,
durchgesetzt werden. Aus der Sicht der Mainstream-Ökonomie/Sozialwissenschaft
stellen sich grundsätzlich ähnliche Fragen: welches "Humankapital" ist
erforderlich, um Wettbewerbsfähigkeit und im weiterer Folge, Wirtschaftswachstum
zu befördern? Wie müssen Ausbildungssysteme gestaltet werden, um eine möglichst
breite Eingliederung der SchulabgängerInnen in das Berufsleben zu ermöglichen?
Die Tatsache, dass auf allen Ebenen Menschen erst für "die Wirtschaft" tauglich
gemacht werden müssen, wird also durchaus nicht geleugnet, jedoch nicht kritisch
hinterfragt. Hochdifferenzierte Gesellschaften bedürfen jedenfalls eines
bestimmten Menschentypus - und der kommt nicht von allein.
Abb.
2:
up
2. Ideologie als Ergebnis von
Bedeutungskämpfen: Die Britischen Cultural Studies und das Centre for
Contemporary Cultural Studies, Birmingham
A. Zur Begrifflichkeit:
Kulturwissenschaften/ Cultural Studies/
Geisteswissenschaften
Der Begriff der "Cultural Studies" ist zunächst einmal vieldeutig. Zwar ist er einerseits klar mit dem Forschungsprogramm des Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) verbunden. Andererseits wurde er zunehmend auch anderswo rezipiert und als Namen für alle möglichen Studien- und Forschungsrichtungen adoptiert. Die Namensänderung der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien in Geistes- und Kulturwissenschaftliche Fakultät ist nur ein Beispiel bzw. Indikator für die derzeitige Hochkonjunktur des Begriffs "Kulturwissenschaften", mithin Ausdruck für einen "Cultural Turn" in den Sozial- und Geisteswissenschaften. Dieser ist kann auch als Anzeichen für ein starkes Bedürfnis gelesen werden, Kultur in einem übergreifenden Sinn (also nicht nur in beschränkt soziologischer, ethnologischer oder philologischer Hinsicht) zu einem Thema zu machen . Im Deutschen wird der Begriff "Cultural Studies" - wenn nicht der englische Begriff im expliziten Bezug auf das CCCS beibehalten wird - mit "Kulturwissenschaften" wiedergegeben. Die so genannten "Kulturwissenschaften" speisen sich dabei aus verschiedenen Quellen: der amerikanischen Kulturanthropologie, den britischen Cultural Studies, deutschen geistes-, ideen- und mentalitätsgeschichtlichen Quellen, der französischen Annalschulen u.a. mehr:
Kulturwissenschaften präsentieren sich so in der
aktuellen Debatte als "pluralistischer Dach- und Rahmenbegriff" (Böhme), unter
dem sich eine Vielzahl begrifflich-methodischer Varianten versammeln wie z. B.
Kulturwissenschaft als Reformprogramm zur interdisziplinären Erweiterung der
geistes- und sozialwissenschaftlichen Einzeldisziplinen; als Sammelbegriff zur
Erweiterung des Methoden- und Begriffsarsenals in den traditionellen Sprach- und
Literaturwissenschaften; als Bezeichnung für theoretische und methodische
Ansätze, die aus dem Themen- und Theoriefundus der anglo-amerikanischen Cultural
Studies und der Cultural Anthropology übernommen werden; als empirische
Kulturwissenschaften im Sinne einer reformierten Volkskunde bzw. europäischen
Ethnologie; als Bezeichnung für neuere Forschungsansätze in der Kultur- und
Mentalitätengeschichte, den Gender Studies und der historischen Anthropologie;
als Memoria-Forschung, die sich mit den kollektiven und kommunikativen
Strukturen des kulturellen Gedächtnisses beschäftigt (...), sowie
Kulturwissenschaft als kultursemiotisches Forschungsprogramm, das Kulturen als
Texte und Literaturen als Texte der Kultur (...) zu verstehen sucht und sich
interpretativer Verfahren bedient, um die sozial signifikanten Wahrnehmungs-,
Symbolisierungs- und Kognitionsstile in ihrer lebensweltlichen Wirksamkeit zu
analysieren (Böhme/Scherpe 1996). (Lutz Musner, Gotthard Wunberg, 1999,
"Vorwort: Kulturwissenschaften - eine Momentaufnahme", Beiträge
zur historischen Sozialkunde, Sondernummer 1/99)
up
B. Die britischen Cultural
Studies/ das Centre for Contemporary Cultural Studies in
Birmingham
Der Ursprung der "Cultural Studies" liegt in den Arbeiten von
Raymond Williams, Richard Hoggart,
E.P.Thompson und Stuart Hall, mit dem
institutionellen Zentrum in Birmingham in der Form des "Centre for Contemporary
Cultural Studies" (CCCS). Der geistesgeschichtliche Hintergrund der Cultural
Studies ist dabei in der britischen Bewegung der "Neuen Linken" (New Left) in
der zweiten Hälfte der 1950er Jahre zu suchen, mit der "New Left Review" als
ihrem vorrangigen Sprachrohr (Der spätere Direktor des CCCS in den Siebziger
Jahren, Stuart Hall, war ihr erster Herausgeber; andere bekannte Vertreter der
Neuen Linken waren etwa E.P.Thompson, Eric Hobsbawm und Perry Anderson).
Allerdings bekam die Gruppe des 1964 gegründete CCCS erst ab Ende der 60er
Jahre, eine dezidiert neomarxistische Ausrichtung (insbesondere durch die
Rezeption der Althusser'schen Ideologietheorie).
Der Ansatz der Cultural Studies ist ein inter- bzw.
multidisziplinärer, das heißt es geht nicht lediglich um eine soziologische
oder politilogische oder literaturwissenschaftliche Deutung von sozialen
Phänomenen und Texten, sondern möglichst viele Dimensionen sollen in diese
einfließen. Der Schwerpunkt lag zunächst freilich auf eine
kulturwissenschaftliche Zugangsweise im engeren Sinn. Richard Hoggart, der erste
Direkter des CCCS, Literaturwissenschaftler und Kritiker der Engstirnigkeit
damaliger universitärer Studienangebote für englische Literatur, skizzierte 1963
in seiner Antrittsvorlesung an der Universität Birmingham seine Vorstellungen
von dem möglichen Inhalten und Ansätzen von Cultural Studies (zunächst
sprach er von"Literature and Contemporary Cultural Studies"). Cultural
Studies würden aus drei Teilen bestehen, "one is roughly historical and
philosophical; another is, again roughly, sociological; the third - which will
be the most important - is the literary critical" (Richard Hoggart, 1970,
"Schools of English and contemporary society", in Speaking to each other, Vol.2,
London: Chatto & Windus).
Dieser inter-/multidisziplinäre Ansatz leitete sich vom
Forschungsinteresse des CCCS ab, nämlich Phänomene wie Popularkultur,
Massenmedien, Geschlecht, Ethnizität, "Rasse", Nation zu deuten und dabei einen
Kulturbegriff zugrunde zu legen, der keinen Unterschied zwischen "Hoch-" und
"Massen-" bzw. "Popularkultur" machen würde. Das CCCS verstand sich in dieser
Weise auch als einen Angriff auf ein elitäres Kulturverständnis, wie es v.a. die
Literaturwissenschaften dominierte.
- Zunächst lag der Fokus
des CCCS auf die Untersuchung und Darstellung der "Kultur" der Arbeiterklasse
(Working Class Culture). Vier Studien markieren den Beginn der britischen
Cultural Studies und gaben die Richtung vor, in die sich das CCCS entwickelte,
nämlich Richard Hoggarts (1967) [1958]: The Uses of Literacy (London: Chatto
& Windus), Raymond Williams' (1958): Culture and Society (London: Chatto
& Windus), Raymond Williams' (1961): The Long Revolution (London: Chatto
& Windus), E.P.Thompson (1964): The making of the English working class (New
York: Pantheon Books).
- Ende der Sechziger Jahre trat zunehmend
die Beschäftigung mit Massenmedien in den Vordergrund, die als Beispiel dafür
angesehen wurden, wie sich Ideologien dominanter (hegemonialer)Gruppen "in die
Gesellschaft" einschreiben.
- Ab den Achtzigern erweiterte sich
der Fokus nochmals, indem die Populärkultur als ganzes mit ihren individuellen
Ausdrücken (Musik, Jugendmagazine....) ins Blickfeld gerückt wurden.
Die dem CCCS angehörenden bzw. nahestehenden ForscherInnen betonten
immer wieder, dass sie keineswegs eine Schule mit einer kodifizierten Theorie
darstellen würden. Gleichzeitig ergibt sich aus dem Forschungsprogramm des CCCS
aber durchaus eine konsistente Linie, die ein ehemaliger Direktor des Centres
(das mittlerweile ein besser ausgestattetes und abgesichertes Department
geworden ist), Stuart Hall, in Hinsicht auf einen Schwerpunkt des CCCS,
Massenmedien, folgendermaßen skizziert hat:
i. Die Cultural Studies brachen
mit traditionellen Herangehensweisen an das Thema "Kommunikation", "Texte",
insbesondere mit behavioristischen Paradigmen
ii. Zum zweiten hinterfragten
die Cultural Studies die Auffassung von massenmedialen Texten als transparente
Bedeutungsträger (à la McLuhan "the medium is the message") und interpretierten
massenmediale Texte als komplexe Zeichensysteme (d.h. in
semiotisch/strukturalistischer
Manier)
iii. Drittens, brachen
die Cultural Studies mit der Festschreibung des Publikums als passives und
undifferenziertes Konstrukt und betonten dagegen die Kreativität und die
Vielfalt, mit der Konsumenten von Massenmedien, Inhalte und Texte kontextuell
dekodieren würden.
iv. Zuletzt
betonten die Cultural Studies, dass auch Massenmedien ein differenziert zu
betrachtendes und komplexes Phänomen darstellen würden. In der Sicht des CCCS,
zirkulieren und zementieren Massenmedien dominante ideologische Definitionen und
Repräsentationen. (Stuart Hall, 1984, Introduction to media studies at the
Centre, in ders. (Hsg): Culture, media, language, London: Hutchinson,
pp.117-121, zitiert nach: Norma
Shulman (1993): Conditions of their own making: An intellectual history of the
Centre for Contemporary Cultural Studies at the University of Birmingham,
Canadian Journal of Communications, 18, 1)
In theoretischer Hinsicht bedeutend für die Arbeiten des CCCS war die
Rezeption der Werke Althussers (insbesondere für die Untersuchung von Ideologie
als Struktur), jene Gramscis (speziell für die Interpretation von Populärkultur
als Austragungsort für Kämpfe um kulturelle Hegemonie) und, in jüngerer Zeit,
diejenigen Michel Foucaults. In seiner Bestehenszeit, veränderte sich der Fokus
und der theoretische Zugang des CCCS mehrmals, die angeführten Theoretiker
blieben aber für das Verständnis von Ideologie prägend:
i. Althussers
strukturalistische Ideologietheorie, die am CCCS ab Ende der Sechziger Jahre
verstärkt rezipiert wurde, stellt das Problem der Ideologie als Problem der
Repräsentation. Warum? Wie oben dargestellt, geht Althusser von der Vorstellung
kohärenter Personen ab. Die soziale Person zerfällt in eine Reihe von sozial
konstruierten Egos, die durch Ideologien (z.B. Nation,
Geschlechterideologien....) "angerufen" und so mit Leben erfüllt werden.
ii. Ideologie ist dabei keine
Botschaft, noch ist sie transparent, sondern Ideologie (wie jeder Text) ist
zunächst (auch) Struktur und diese Strukturiertheit kann analysiert werden. Wenn
nach Ideologie als Repräsentationsproblem gefragt wird, rücken
Verbindungslinien, umfassende Bedeutungsstrukturen in den Vordergrund, die
sowohl materielle als auch "geistige"/kulturelle Bestandteile
hat.
iii. Beispiel: In den
siebziger Jahren formierte sich am CCCS eine Woman Studies Group, die den bis
dahin in der Arbeit des CCCS vernachlässigten Gender-Aspekt in den Vordergrund
rückten. In den Arbeiten der Gruppe ging es u.a. um die Analyse von "weiblichen"
Genres wie Serien (Soap Operas), Modemagazine, "Hausfrauenliteratur". An diesen
Beispielen konnte gut gezeigt werden, wie die Durchsetzung von bestimmten
Weiblichkeitsvorstellungen durch die gleichzeitige Berücksichtigung
der
a)
strukturellen Position von Frauen - in der Familie (z.B. stärkere
Reglementierung des Freizeitverhaltens junger Mädchen gegenüber demjenigen der
Burschen durch Eltern), im Bildungssystem (mit frauenspezifischen
Bildungsangeboten), im Arbeitsleben (frauentypische Berufe) und in der weiteren
Gesellschaft; und
b)
ideologischen Angeboten im engeren Sinn (eben Soap Operas, Frauenmagazine...)
nachvollzogen werden kann.
Die Lebenslagen der untersuchten Frauengruppen, ihr Medienkonsumverhalten und
ihre Selbstwahrnehmung und Zukunftsvorstellungen können als ein relativ
kohärenter Komplex interpretiert werden - als Ideologie im Althusser'schen Sinn.
iv. In einer streng
althusserianischen Lesart, erscheint Ideologie als, wenn auch nicht omnipotent,
so doch als unausweichliches (und zudem negativ konnotiertes) Phänomen, gegen
die Aktivismus naiv und zwecklos erscheint. Der große Anteil, den empirische
Studien an den Arbeiten des CCCS ausmach(t)en, hat gegenüber diesem
pessimistischen theoretischen Ansatz jedoch immer wieder als Korrektiv gewirkt,
was durch die Rezeption von Gramscis grundsätzlich "optimistischeren"
Hegemonietheorie zusätzlich verstärkt wurde.
up
3.
Geschichtswissenschaftliche Innovationen in der politischen Ideengeschichte
Die verschiedenen, in dieser Vorlesung vorgestellten "Innovationen" im
Bereich der politischen Ideengeschichte als Disziplin sind ein Ausdruck für das
Unbehagen mit traditionellen Zugängen zur Ideengeschichte und signalisieren
gleichzeitig eine Abkehr von tradierten, heute zunehmend methodisch wie
theoretisch als unzulänglich erkannten "musealen" Paradigmen (Erstellung
umfassender "Ahnenreihen" politischer Denker, Kanonisierungen etc.) bzw.
traditionellen textimmanenten Auseinandersetzungen mit historischen Texten. Die
Gemeinsamkeit dieser neueren Ansätze besteht im Postulat, die Historizität von
Texten ernst zu nehmen.
Traditionellerweise widmete sich die Ideengeschichte der
Rekonstruktion historischer Gedankengebäude, deren Auswahl größtenteils durch
Konvention und die Zufälligkeiten der Tradierung historischer Texte bestimmt
war. Zunehmend geriet (hauptsächlich während des 20. Jahrhunderts) der
historische Kontext des Entstehens der politiktheoretischer Werke in das
Blickfeld der Ideengeschichtler. Tatsächlich blieb aber das Verhältnis von
Biographie, Werk und Gesellschaft unklar und häufig implizit. Geschichtliche
Fragestellungen wurden bestenfalls thematisiert, wenn es das entsprechende Werk
nahe legte, oder aber um Fragen der Chronologie des Werkes bzw. Fragen zur
Biographie des Autors aufzuwerfen und zu klären. Zudem blieb (und bleibt heute
noch) politische Ideengeschichte einer spezialisierten Gruppe von
Wissenschaftlern innerhalb der Universitäten überlassen, die eine von anderen
weitgehend abgeschottete Disziplin praktizier(t)en. Nur wenige Historiker
interessierten sich für (politische) Ideengeschichte, und wenige Philosophen für
das Verhältnis von historischen Gesellschaften und philosophischen Werken -
jenseits des Theoretisierens über Geschichte. Politische Ideengeschichte fand
überdies kaum Anbindung an eine allgemeinere, holistische Geistes- und
Kulturgeschichte, und blieb somit eine eher a-historisch als historische
Disziplin. Diese 'Disziplinierung' der Ideengeschichte verlief weitgehend in
konventionsgeregelten Bahnen, sodass eine Debatte über die sinnvolle Abgrenzung
bzw. über den Charakter von Abgrenzungen der Subdisziplinen der
Geistesgeschichte kaum aufkamen. Primär historische Fragestellungen blieben
damit weitgehend ausgeklammert und galten als gefährlich, in dem Sinn, dass sich
die Beschäftigung mit Klassikern nur lohne, wenn die Zeitlosigkeit der Texte
(und der Ideen) als garantiert gelten könne. In diesem Sinn war (und ist
vielerorts) Ideengeschichte selten eine Disziplin, die dem Denken als einer
Aktivität gewidmet ist, sondern vielmehr eine Geschichte von Fiktionen fertiger
Gedankengebäude (Siehe John Dunn, 1980: Political Obligation in its historical
context. Essays in political theory Cambridge: Cambridge University Press,
Introduction)
Gegen diesen eher textualistischen (d.h.: nur der Text zählt) und auf
Klärung von Widersprüchen zielenden und kohärenzbestrebten Ansatz wurden
zunehmend Einwände und Gegenargumente laut, und dies aus mehreren Richtungen.
Zum einen entdeckte die Wissenschaftstheorie die Problematik der
Produktionsbedingungen von Wissen, woraus sich unter vielerlei Einflüssen eine
eher soziologisch orientierte Wissenschaftstheorie herausbildete. In dieses
Umfeld gehört auch die Entdeckung, dass Wissenschaft ein im höchsten Maßen an
Konventionen gebundenes Unternehmen ist. Diese Beobachtung bildete die
Hauptthese der in der Wissenschaftsforschung paradigmenmachenden Abhandlung des
amerikanischen Physikers und Wissenschaftstheoretikers Thomas S. Kuhn "Die
Struktur wissenschaftlicher Revolutionen".Zum anderen führte der
'Linguistic Turn' zuerst in der Philosophie (namensgebend, soweit
rekonstruierbar, war der von Richard Rorty (1967) hsg. gleichnamige Sammelband
mit Texten zur Sprach- und analytischen Philosophie) und ab den 60ern auch in
den Sozialwissenschaften, zu einer Problematisierung des Beschreibungsapparats
von Wissenschaft: der Sprache. In diesem Kontext der Sprachphilosophie begann
sich ab den 60er Jahren In Cambridge eine Gruppe von Historikern,
Politikwissenschaftlern und Philosophen zu formieren, deren Gemeinsamkeit
hauptsächlich darin besteht, das Verhältnis von Texten, Sprache(n) und Politik
in der Ideengeschichte zu beleuchten.
Tabelle 1: Neue
Ideengeschichtliche Traditionen
| Deutschland | Frankreich | Großbritannien/USA | Deutschland | |
| Theoretische Richtung | Begriffsgeschichte | Diskursanalyse | Conceptual History | Metaphern- geschichte |
| RepräsentantInnen | Reinhart Koselleck | Michel Foucault | Cambridge School of Political Thought (Q.Skinner, J.G.A.Pocock) | Hans Blumenberg |
| "Disziplin" | Geschichtswissenschaft | Philosophie, Geschichte der Philosophie | Analytische Philosophie, Geschichte der Philosophie | Literaturwissenschaften |
| Forschungsgegenstand/ Beispielhafte (mögliche) Fragestellung | Die soziale und politische Sprache im Wandel der Zeit, z.B.: Begriffsgeschichte von "Staat": wie wird der Begriff ideologisierbar? Wie wird der in der Vormoderne heterogene und konkrete Begriff "Status" zur Bezeichnung der dominanten politischen Organisationseinheit, also politisiert? .... | Diskurse, verstanden als weitläufige, thematische Cluster, die bestimmte (sich verändernde) Strukturen aufweisen, z.B. Kriminalitätsdiskurse: wie verändern sich Vorstellungen von Kriminalität (als Krankheit, als behebbares soziales Übel) und einhergehende Praktiken (vom Kerker und Folter zur Überwachungs- und Disziplinarinstitution Gefängnis); Geschichte der Sexualität | Ideengeschichte als Geschichte einer Aktivität/ als Geschichte sozialen Handelns, Große Paradigmen politischen Denkens; z.B. : Die gättliche Komädie Dantes nicht als literarisches Werk, das scholastisches Denken repräsentiert (obwohl es innerhalb des geltenden politischen Paradigmas verfasst ist), sondern als soziale, philosophische und politische Kritik an den herrschenden Umständen im Hochmittelalter (häufige Kriege zwischen italienischen Städten; weltliches Machtstreben geistiger Führer...; | Metapher als kognitions- und wahrnehmungsleitendes, gleichzeitig aber geschichtlich wandelbares und gewachsenes Phänomen, z.B: der Staat als Unternehmen (im Neoliberalismus), der Staat als Bauernhof (im Austrofaschismus), Gehirn als Maschine.... |
Die Liste der drei oben angeführten Forschungsrichtungen soll nicht
den Eindruck vermitteln, dass es sich um hermetische Disziplinen handelt
(tatsächlich arbeiten Ideengeschichtler durchaus mit Bezug auf alle oder mehrere
der oben dargestellten Ansätze), noch dass sie eine erschöpfende Aufzählung
neuerer Ansätze darstellen würde. Neuere Ansätze in der Untersuchung politischer
Ideen sind auch vor dem Hintergrund des allgemeinen Wandels der
Geschichtswissenschaften hin zu historischen Sozialwissenschaften zu sehen,
wofür die französische Annales- Schule einen nicht zu unterschätzenden Beitrag
geleistet hat (etwa durch die Erschließung neuer Forschungsfelder wie
Mentalitätsgeschichte, Geschichte des Imaginären usw.)
up
B. Reinhart Kosellecks
begriffsgeschichtliche "Grundlagenforschung"
Begriffsgeschichte an sich ist nichts neues, schon bei griechischen
Philosophen finden sich begriffsgeschichtliche Passagen - meistens
(abenteuerliche) Versuche der etymologischen Herleitung und dem Nachspüren der
Verwendungsweise bestimmter Begriffe bei früheren Philosophen, freilich mit dem
expliziten Ziel, so zum "wahren" Sinn eines Begriffes vordringen zu können. Der
Terminus "Begriffsgeschichte" selbst geht auf Hegel zurück - überhaupt erlebte
Begriffsgeschichte im Kontext des Historismus des 19. Jh. einen Höhenflug, der
sich nicht lediglich auf die entstehenden Geschichtswissenschaften im engeren
Sinn beschränkte, sondern auch in philologisch ausgerichteten Disziplinen
spürbar wurde (in der Germanistik - vgl. etwa Grimms Wörterbuch der deutschen
Sprache; in der Altphilologie etc.)
Begriffsgeschichte als ein genuin historisches Unternehmen ist dagegen
jüngeren Datums. Eine genuin historische Analyse von Begriffen beschränkt sich
nicht auf das Aufspüren von Traditionslinien (welcher Begriff stammt von wem,
wer hat ihn wie verwendet...), sondern versucht Begriffe in ihrem jeweiligen
historischen Kontext zu erörtern, also Begriffe geistes-, sozial-,
kulturgeschichtlich zu situieren, einen Bezug zur politischen Geschichte
herzustellen usw. (welche Gruppen/ Personen haben einen Begriff benutzt? Was
wollten sie damit? Wer waren die Adressaten? Was waren die materiellen
Strukturen, auf die sich Begriffe bezogen? Welche Theorien von Gesellschaft
finden in einer gewissen Begrifflichkeit ihren Ausdruck....)
Reinhart Koselleck hat für diesen Zugang einen bedeutenden Beitrag
geleistet, vor allem mit dem, zusammen mit Otto Brunner und
Werner Conze initiierten Opus Magnum "Geschichtliche
Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in
Deutschland" (8 Bde, Stuttgart: Ernst Klett, 1972-1997). Darüber hinaus
hat er auch mehrere theoretisch angelegte Werke zur "historischen Semantik"
verfasst. Das Werk ist eine unverzichtbare Quelle zur Genealogie
("Etymologie"), zum Bedeutungsverständnis sowie zu
Bedeutungsverschiebungen moderner politischer Grundbegriffe. Dem
Lexikon zugrunde liegt ein pragmatisch ausgewählter Katalog von Begriffstypen,
mit Hilfe derer etwa 130 Grundbegriffe ausgewählt werden:
o Zentrale
Verfassungsbegriffe
o Schlüsselworte der politischen,
der wirtschaftlichen und der gesellschaftlichen Organisation;
o Selbstbenennungen entsprechender
Wissenschaften
o Leitbegriffe politischer Bewegungen
und deren Schlagworte
o Bezeichnungen dominierender
Berufsgruppen und sozialer Schichtung;
o Theoretisch
anspruchsvolle Kernbegriffe, auch der Ideologien, die den Handlungsraum und die
Arbeitswelt gliedern und auslegen
In der Einleitung zum ersten Band skizziert Koselleck den Zugang
folgendermaßen:
Das vorliegende Lexikon hat Anregungen der
Sprachwissenschaft und der philosophischen Terminologiegeschichte aufgenommen,
beruht aber auf einer weiterentwickelten historischen Methode, um die
Begriffsgeschichte für die Geschichts- und Sozialwissenschaften fruchtbar zu
machen. Insofern erhebt diese Begriffsgeschichte nicht den Anspruch, eine völlig
selbständige Disziplin der historischen Wissenschaften zu sein. Ihre Methode
ergibt sich aus dem Zweck des Vorhabens, sie ist begriffsgeschichtlich. Diese
Methode zielt weder auf eine Wortgeschichte, noch auf eine Sach- oder
Ereignisgeschichte, noch auf eine Ideen- oder Problemgeschichte. Freilich
bedient sie sich deren Hilfen. In erster Linie ist sie historisch
kritisch.(Reinhart Koselleck, Einleitung, in: Otto Brunner, Werner Conze,
Reinhart Koselleck (Hsg): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur
politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd.1. A-D, Stuttgart: Ernst Klett,
pp.XIX-XX).
Die Grundannahme besteht darin, dass
[d]ie soziale und politische Sprache, speziell ihre Terminologie, als Faktor[..] und als Indikator[..] geschichtlicher Bewegung betrachtet [werden kann] (ebenda: XIV)
Die Methode besteht in einem zweistufigem Verfahren:
o Zunächst wird in historisch kritischer Absicht die
jeweilige historische Bedeutung ermittelt, indem
- Die Wortgeschichte als
Einstieg verfolgt wird,
-
Mit Hilfe von Textanalysen die Bedeutungsgehalte eingegrenzt werden,
- Der Wortgebrauch
untersucht wird
- Und so
Adressaten und Intentionen offengelegt werden
o In
einem zweiten Schritt, werden die jeweiligen Bestandsaufnahmen eines Begriffs zu
einem gewissen Zeitpunkt (synchrone Perspektive) in eine diachrone Perspektive
übergeführt:
Indem die Begriffe aus ihrem Kontext gelöst werden und
ihre Bedeutungen durch die Abfolge der Zeiten hindurch verfolgt und dann
einander zugeordnet werden, summieren sich die jeweiligen historischen
Begriffsanalysen zur Geschichte des Begriffs. (...) Nur so kann z.B. die soziale
Dauer einer Bedeutung und können dem korrespondierende Strukturen in den Blick
kommen. Durchgehaltene Worte sind für sich genommen kein hinreichendes Indiz für
gleichbleibende Sachverhalte. Erst die diachronische Tiefengliederung eines
Begriffs erschließt langfristige Strukturänderungen. (....) Die
Begriffsgeschichte klärt die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen auf, die in
einem Begriff enthalten ist. Die geschichtliche Tiefe, die nicht identisch ist
mit ihrer Chronologie, gewinnt einen systematischen oder einen strukturellen
Charakter. Diachronie und Synchronie werden also begriffsgeschichtlich
verflochten" (ebenda: XXI)
Die Begriffsgeschichte
(...) erarbeitet (...) keine Sachverhalte aus den sprachlich vorgegebenen Quellen. Ebensowenig beschränkt sie sich auf die geistigen Äußerungen vergangener Zeitgenossen. Sie vermeidet die Geistesgeschichte als eine Geschichte der Ideen oder als Reflexhistorie materieller Prozesse. Sie führt vielmehr heran an die in den jeweiligen Begriffen enthaltene Erfahrung und an die in ihnen angelegte Theorie, sie deckt also jene theoriefähigen Prämissen auf, deren Wandel sie thematisiert. (ebenda: XXIV, Hervorhebung A.K.)
Eine Zielstellung der Begriffsgeschichte besteht zudem darin, die
Mehrschichtigkeit gegenwärtiger sozialer und politischer Leitbegriffe
aufzuzeigen, deren unterschiedliche Bedeutungsschichten unterschiedlichen
Zeiträumen entstammen, um so die
Auflösung der alten und die Entstehung der modernen Welt in der Geschichte ihrer begrifflichen Erfassung zu untersuchen (...). Das Lexikon ist insofern gegenwartsbezogen, als es die sprachliche Erfassung der modernen Welt, ihre Bewusstwerdung und Bewusstmachung durch Begriffe, die auch die unseren sind, zum Thema hat." (ebenda: XIV).
Das Lexikon beruht dabei auf der
Vermutung, dass sich seit Mitte des achtzehnten
Jahrhunderts
ein tiefgreifender Bedeutungswandel klassischer Topoi
vollzogen, dass alte Worte neue Sinngehalte gewonnen haben, die mit Annäherung
an unsere Gegenwart keiner Übersetzung mehr bedürftig sind. Der heuristische
Vorgriff führt sozusagen eine "Sattelzeit" ein, in der sich die Herkunft zu
unserer Präsenz wandelt. (ebenda: XV)
Begriffe sind also sozial verortet, sie geben Ausdruck über das
Selbstverständnis von Gesellschaften bzw. gesellschaftlichen Gruppen, ohne dass
freilich das Verhältnis von Begriffen zur Gesellschaft ein klares, transparentes
und spannungsfreies wäre. Im Gegenteil.
up
C. Der theoretische Ansatz
der Cambridge School
Die sogenannte Cambridge School um Quentin Skinner,
J.G.A Pocock, John Dunn u.a. ist, wie die
Bezeichnung irreführend vermuten lässt, keine wirkliche Schule mit einer rigiden
Theorie oder Methodologie (die Systemtheorie Luhmann'scher Prägung dagegen
schon, die auch diesen Anspruch hat). So wie im Falle des Centre for
Contemporary Cultural Studies zeichnet diese "Schule" eher ein
Forschungsprogramm aus, in dem einheitliche Interessen bzw. eine einheitliche
Stoßrichtung sichtbar werden.
Am Ausgangspunkt steht die Vermutung, dass die politische Sprache
nicht nur ein Ausdruck politiktheoretischer Diskussion und der Problematisierung
politisch relevanter Ereignisse, politischer Ziele usw. ist, sondern vielmehr
selbst eine normativ-konstitutive Rolle für die soziale Wirklichkeit einnimmt.
Von dem ausgehend, wird versucht, historische politische Theorien als
"politische und linguistische Handlungen in einem jeweils historisch und
kulturell, politisch und linguistisch genau zu bestimmenden Kontext" zu
begreifen (Hartmut Rosa, "Ideengeschichte und Gesellschaftstheorie: Der Beitrag
der 'Cambridge School' zur Metatheorie", PVS, 35, 1994 (2): 198). J.G.A Pocock
charakterisiert in einem Aufsatz von 1972, was dieses Vorgehen von der
traditionellen Philosophiegeschichte unterscheidet, folgendermaßen:
[T]he philosophical explanation of how the ideas in a system are related to one another is generically different from, and only contingently coincident with, the historical explanation of what the author meant to say, let alone of why he wanted to say it or chose to say it in that way; the two are arrived at by different procedures and answer different questions." [Die philosophische Erklärung, in welcher Beziehung die Ideen eines Gedankensystems zu einander stehen, ist grundsätzlich verschieden von einer historischen Erklärung davon, was der Autor sagen wollte, geschweige denn, einer Erklärung, warum er etwas so und nicht anders gesagt hat. Die historische Erklärung fällt nur zufällig mit jener zusammen. Unterschiedliche Vorgehensweisen werden verwendet, um zu der einen oder anderen Erklärung zu kommen; nicht zuletzt beantworten sie unterschiedliche Fragen , Übersetzung A.K.](John G.A. Pocock, 1972, "Languages and their Implications: The Transformation of the Study of Political Thought", in ders. Politics, Languages and Time, London: Methuen, p.9)
Mehr als die bisher vorgestellten Ansätze ist die Cambridge School von
der Sprachphilosophie, wie sie von Philosophen wie Gottlob
Frege, Ludwig Wittgenstein, Rudolf
Carnap (Beide: im Umkreis des "Wiener Kreises"), John
Austin und John Searle entwickelt wurde, beeinflusst.
Ein 1967 vom Philosophen Richard Rorty herausgegebenes
Sammelwerk hat die zunächst in der analytischen Philosophie antizipierte
Entwicklung treffend (und wirkmächtig) mit "Linguistic Turn"
bezeichnet (so der Titel der Publikation). Dementsprechend geht es in den
Untersuchungen der Schule um das Aufspüren und um die Analyse der politischen
Sprache historischer Zeitabschnitte und spezifischer Metiers.
Das Verhältnis von sozialer Welt und Konzepten wird als Kontext
zueinander gedacht (Konzeptualisierungen der sozialen Welt bilden ihr Kontext
und umgekehrt) und das Denken von Individuen wird - so wie ihr Handeln - als ein
soziales Ereignis aufgefasst. Sprache tritt damit in ein privilegiertes und
mehrdeutiges Verhältnis zur Praxis, ja konstituiert sie wesentlich mit. Sprache
bildet einerseits das Material, mit der Handeln (sprachliches Handeln
miteinbegriffen) konzeptualisiert (und damit: beschrieben) wird, andererseits
fungiert Sprache als Vehikel für Werte und Bewertungen. Zentraler Ausgangspunkt
der Cambridge School ist damit die "Einbettung des politischen Denkens [als
Realisiation einer nach bestimmten Kriterien strukturierten sozialen Sprache,
Anm. A.K] in den Zusammenhang des politischen Lebens und Handelns einer
politischen Gemeinschaft (Hartmut Rosa"Ideengeschichte und Gesellschaftstheorie:
Der Beitrag der 'Cambridge School' zur Metatheorie", PVS, 35, 1994 (2): 199).
Linguistische Traditionen und Konventionen bilden dann das Grundgerüst, in dem
sich politisches Denken vollzieht
In der Schwerpunktsetzung unterscheiden sich die einzelnen Theoretiker
der Cambridge School in einigen Punkten maßgeblich (hier sollen nur die zwei
bedeutendsten, Q.Skinner und J.G.A Pocock charakterisiert werden: während es
Quentin Skinner eher darum geht, wie einzelne Autoren mit bestehenden Paradigmen
umgehen, geht es Pocock eher um die Erforschung bzw. Identifizierung historisch
wirkmächtiger Paradigmen über lange Zeiträume. Quentin Skinner entwickelt zudem
in seinen methodologischen Texten eine ausgefeilte, sprechakttheoreitsche
Methode des Textverstehens, während Pocock einen pragmatischeren, weniger
komplexen und eher wissenschaftshistorischen Zugang wählt. Q. Skinner ist
relativ skeptisch, inwieweit historische Texte außerhalb ihres historischen
Kontexts sinnvoll zu verstehen sind (dafür wurde er auch kritisiert: ihm wurde
vorgeworfen, den Sinn einer vom historischen Kontext abstrahierten
Auseinandersetzung mit historischen Texten überhaupt in Frage zu stellen).
In den Arbeiten Pococks geht es darum, politische Sprachen im Sinne
von Paradigmen (nach dem Begriff des Wissenschaftshistorikers
Thomas Kuhn) aufzuspüren, nämlich als große Traditionszusammenhänge,
innerhalb derer bestimmte Regeln der Argumentation, bestimmte "Textstrukturen"
und Textsorten vorherrschen, die also einen normativen (d.h.
bindenden/regelhaften) Charakter haben. Der Gegenstand der Schule ist also die
Untersuchung dieser unterschiedlichen politischen Diskurssysteme. Diskurse oder
Sprachen erfüllen paradigmatische Funktionen in der Gesellschaft. Sie
konstituieren eine Neuordnung sozialer Wirklichkeit. Pocock interessiert sich in
der Folge auch für Verschiebungen und Subversionen bestehender "Paradigmen"
durch einzelne Denker. Ein Beispiel für eine solche subversive Überschreitung
der Regeln eines Paradigmas ist "Der Fürst" von Niccolo Machiavelli. Das Genre,
das Machiavelli benutzt ist dasjenige des Fürstenspiegels, das im Mittelalter
vielleicht das politisch-literarische Genre überhaupt war und in der eine Art
Klugheitslehre bzw. Tugendlehre vertreten wurde. Das Skandalöse an Machiavellis
Buch bestand darin, dass er es vermied, normative Bewertungskriterien anzulegen
(religiöse Normen, "Anstand") und dagegen rationale Kriterien (Machterhalt)
setzte.
Eine interessante Implikation des Paradigma-Begriffs ist, dass
wissenschaftliche Entwicklungen nicht mehr ausschließlich als linear, kumulativ
und der eigenen Logik folgend verstanden werden können (Altes wird als
falsifiziert verworfen, bessere Beschreibungsmodelle gefunden usw.), sondern
ebenso als diskontinuierlich und bruchhaft. Während in sogenannten
"Normalphasen" von Wissenschaft (Thomas Kuhn) wissenschaftliche
Entwicklungen durchaus Weiterentwicklungen bestehender Modelle darstellen, (die
allerdings auf grundlegende, nicht weiter erklärbare Annahmen basieren), können
fundamentale Weitentwicklungen (z.B. das kopernikanischen System, die
Newton'sche Mechanik, die Quantenphysik) nicht aus der Logik eines geltenden
wissenschaftlichen Paradigmas erklärt werden. Die vorkopernikanische Astronomie
ging beispielsweise überaus erfinderisch mit den von dem geozentrischen Weltbild
aufgeworfenen Problemen um - innerhalb der vorkopernikanischen Astronomie war es
etwa durchaus möglich, die Bahnen der bekannten Himmelskörper zu berechnen, man
benötigte dazu "lediglich" einige zusätzliche, meist ad-hoc getroffene Annahmen,
um Anomalien (die Rückkehrbewegung mancher Himmelskörper) erklären zu können
sowie relativ aufwendige Berechnungsmethoden. Aus der Sicht vorkopernikanischer
Wissenschaftler war es daher keineswegs nötig, eine andere Weltsicht
vorzuschlagen - die Welt konnte auch "gut" im geltenden Paradigma erklärt
werden. Eine weitere Implikation des Paradigmenbegriffs besteht darin, dass es
denkbar wird, dass es gleichzeitig mehrere nebeneinander bestehende
Beschreibungsmodelle für ein und dasselbe Phänomen gibt. Die Beschreibung wird
damit zu etwas, das wesentlich von der Perspektive bzw. der Fragestellung
abhängt, die man/fau an den Forschungsgegenstand heranträgt. Damit wird freilich
eine einheitliche Weltsicht, wie dies von manchen Enthusiasten wie Stephen Jay
Hawkings - (in den Sozialwissenschaften tendiert die Systemtheorie durchaus in
diese Richtung - als möglich und wünschenswert gesehen wird, mehr als fraglich,
nicht zuletzt, weil der Sinn einer solchen nicht unbedingt nachvollziehbar ist.
Technische Wissenschaften, beruhen beispielsweise weiterhin weitgehend auf dem
Newton'schen Modell der Mechanik, einfach weil es praktikabler ist als die
Quantenmechanik bzw. weil letztere kaum für technische Fragestellungen nutzbar
ist.
In ähnlicher Weise wie in bezug die Entwicklung der
Naturwissenschaften muss die Entwicklung politischen Denkens als
diskontinuierlich, bruchhaft angesehen werden - wenn auch politisches Denken
nicht in gleicher Weise durch Regeln bestimmt ist wie die Wissenschaften es
sind. In bezug auf politische Theorien (wissenschaftliche/ philosophische
Theorien sind wohlgemerkt nur ein Teil politischen Denkens!) kann diese
Feststellung sehr gut gezeigt werden. Mit der Renaissance verlor etwa die
bisherige aristotelische Trias von Staatsformen (Monarchie,
Oligarchie/Aristokratie, Demokratie) langsam, aber sicher ihre Bedeutung. Die
einzelnen Staatsformen wurden zunehmend nicht mehr als gleichwertig
wahrgenommen, die Bewertungskriterien für die "Güte" einer Staatsform
veränderten sich usw. - es traten zunehmen rationalistische z.B.
Effizienzkriterien in den Vordergrund, während normative Bewertungskriterien an
Bedeutung verloren (z.B. war die Lehrmeinung bis weit in die Neuzeit hinein die,
dass der Sinn der Politik darin bestehe, für den einzelnen die Verwirklichung
des "guten Lebens" zu gewährleisten. Nicht zuletzt wurde der Charakter des
Staates als anders wahrgenommen. Die angesprochenen Veränderungen, sowie der
Aufschwung staatszentrierter Perspektiven (z.B. Hobbes) und das Wichtigerwerden
gesellschaftstheoretisch begründete Politiktheorien (z.B. Tocqueville) beruhen
fundamental auf gesellschaftliche Veränderungen und nicht auf bessere Einsichten
der WissenschaftlerInnen und PhilosophInnen (auch vormoderne Staatsgebilde
können durchaus herrschaftssoziologisch untersucht werden, nur kam diese
Betrachtungsweise vormodernen TheoretikerInnen meist nicht in den Sinn). Die
Einsicht, dass politische Theorien in einem fundamentalen Sinn gesellschaftlich
geprägt, wenn nicht gar bedingt sind, kann umgekehrt für den kritischen Umgang
mit gegenwärtigen Theoriemodellen fruchtbar gemacht werden, wie das die in der
vierten Einheit diskutierten Universalismusdebatten eindrucksvoll zeigen.
Paradigmen sind daher operativen Charakters. Sie sind nicht nur
abstrakt-beschreibender Natur, sondern auch handlungsanleitend bzw.
handlungsblockierend. Das Hauptcharakteristikum operativer Paradigmen ist
die
unauflösliche Verflechtung von normativen und deskriptiven Elementen [, zumal sie] die Autoritäts- und Wertstrukturen einer Gemeinschaft bestimmen und dabei eine normativ-regulative Funktion haben. (J.G.A. Pocock,1975, The Machevellian Moment, p.200)
Das neoliberale Paradigma etwa impliziert etwa eine gegenüber einem
früheren staatsinterventionistischen Paradigma scheinbar notwendige Beschränkung
der Fähigkeit staatlicher Akteure, ins Wirtschaftsleben einzugreifen.
Gleichzeitig greift der Staat durchaus weiter maßgeblich in die Ökonomie ein
(durch Steuern, Gebühren, Sozialpolitik, Arbeitsrecht, Insolvenzrecht,
Copyright-Bestimmungen usw.), nur sind die Formen der Intervention sowie die
konkreten Akteure andere. Während es früher durchaus vorstellbar war, dass der
Staat z.B. Wirtschaftsunternehmen aufkauft, also direkt wirtschaftlich aktiv
wird, ist heutiges staatliches Handeln vielmehr auf regulatives Handeln
beschränkt bzw. ausgelagert (auf Stiftungen, Nationalbanken usw.). Paradigmen
haben also direkte Implikationen für die Möglichkeit und die Form politischen
Handelns.
Große politische Theorien auf hohem Abstraktionsniveau können nach
Pocock als Reaktionen auf Legimitationskrisen des operativen Paradigmas gesehen
werden, welche selbst wieder eine Reaktion auf gesellschaftliche Entwicklungen
(Holocaust, Zusammenbruch des Kommunismus....) interpretiert werden können.
Die ideengeschichtliche Analyse in der Folge der Cambridge School kann
zusammenfassend als aus zwei komplementären Dimensionen bestehend interpretiert
werden:
i. Die Erforschung/
Rekonstruktion der Geschichte der jeweils herrschenden Paradigmen und "Sprachen"
in Normalphasen gesellschaftlicher
Entwicklung
ii. Das Verständnis der
das operative Paradigma kritisierenden, verändernden oder rechtgertigenden
reaktionen der politischen Denker: Wie gehen Denker mit gegebenen Strukturen um,
wie manipulieren oder verändern sie diese? Es geht um Untersuchung der Umbrüche,
Veränderungen und Rechtfertigungen dieser Paradigmen in "Krisenzeiten".
up
4. Literatur und Weblinks
Den Text "Ideologie und Ideologische Staatsapparate von Louis
Althusser, auf deutsch erstmals veröffentlicht in: Marxismus und Ideologie,
Westberlin 1973: VSA, S.111-17, findet ihr unter http://www.txt.de/b_books/texte/althusser/
.Wenn auch seine marxistische Diktion manchen die Freude am Lesen verderben mag,
ist er sicherlich nicht das schlimmste Beispiel (sprachlich gesehen)
deutschsprachiger bzw. von ins Deutsche übersetzter marxistischer Literatur und
ist im allgemeinen leicht lesbar. Empfehlung!
Zu den britischen Cultural Studies gibt es, ebenfalls online, einen
guten, allerdings englischsprachigen Text zur intellektuellen Geschichte des
Zentrums: Norma
Shulman (1993): Conditions of their own making: An intellectual history of the
Centre for Contemporary Cultural Studies at the University of Birmingham,
Canadian Journal of Communications, 18, 1
Einen breiteren Fokus auf die Thematisierung & Theoretisierung von
Kultur im Neomarxistismus legt der englischsprachige und online verfügbare Text
des südafrikanischen Kommunikationswissenschaftler Keyan G. Tomaselli
(1995): "The Marxist Legacy in Cultural and Media Studies. Implications for
Africa" (ursprünglich veröffentlicht in Africa Media Review, 9, 3,
pp.1-31) downloadbar unter: http://www.und.ac.za/und/ccms/media/commstudies/amr.htm
. Im Aufsatz werden neben den britischen Cultural Studies die Ansätze von
Althusser & Gramsci sowie jene der Frankfurter Schule diskutiert.
Schlüsseltexte der britischen Cultural Studies vereinigt der in
mehreren Universitätsbibliotheken erhältliche, von Roger Bromley und
Gabriele Kreuzner (1999) herausgegebene und übersetzte Sammelband
"Cultural Studies. Grundlagentexte zur Einführung." (Lüneburg:
Zu Klampen).
Die Homepages des in "Department for Cultural Studies and Sociology"
umbenannte ehemalige CCCS findet ihr hier.
In Österreich hat sich im Bereich der Cultural Studies bzw. im
weiteren Feld der Kulturwissenschaften besonders das Internationale
Forschungsinstitut für Kulturwissenschaften (IFK) hervorgetan. Es lohnt
sich, auf die Homepage des Instituts zu schauen (http://www.ifk.ac.at/), zumal das Institut
immer wieder interessante Vorträge zu kulturwissenschaftlichen Themen
veranstaltet.
Das Ministerium für Wissenschaft, Bildung und Kultur (unter http://www.bmbwk.gv.at/start.asp)
finanziert seit mehreren Jahren Forschungsschwerpunkte im
Bereich der Geistes und Sozialwissenschaften (es lohnt sich die entsprechenden
Sites anzuschauen, zumal immer wieder mehr oder umfangreiche Materialien online
veröffentlicht werden sowie allgemeine Informationen zu den durchgeführten
Projekten zu finden sind). Zuletzt gab es einen Schwerpunkt zu Cultural
Studies, für den eine eigene Homepage mit einer Projektdatenbank,
Literaturneuerscheinungen, Veranstaltungshinweisen etc. eingerichtet wurde. Die
Homepage findet ihr hier.
Zur Cambridge School gibt es einen gut lesbaren und relativ neuen
Artikel von Eckhart Hellmuth und Christoph von Ehrenstein (2001):
"Intellectual History made in Britain. Die Cambridge School und ihre
Kritiker", erschienen in der Zeitschrift Geschichte und
Gesellschaft, 27, 1
Es lohnt sich jedenfalls, einmal in die wissenschaftshistorische
Untersuchung zu wissenschaftlichen Umbrüchen von Thomas Kuhn hineinzuschmökern
(sie hat einen begrenzten Umfang und ist auf deutsch erhältlich). Auf sie beruft
sich, wie oben dargestellt, die Cambridge School (vor allem J.G.A Pocock). Ihr
Leitbegriff, "Paradigmenwechsel", ist heute zu einem Leitbegriff und Schlagwort
geworden, ohne dass freilich den Autoren immer ganz klar ist, wovon die Rede ist
und was eigentlich gemeint ist: Thomas S. Kuhn (1973): Die Struktur
wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt/Main: Suhrkamp
Dass der Ansatz der Cambridge School, zumindest in Hinsicht auf das
Konzept politischer Sprache bzw. politischer Paradigmen, auch fundamentale
Probleme aufwirft, zeigt ein (trotzdem empfehlenswertes) Buch zur Geschichte des
modernen politischen Denkens in Afrika vom Niederländer Pieter Boele van
Hensbroek (1999: "Political Discourses in African Thought, 1860 to the
Present", Westport/Connecticut; London: Praeger; eine Besprechung zu
dem Buch, von A.Sonderegger und A.Kraler, der die fundamentalen Probleme des
Ansatzes aufzeigt, findet ihr in der Zeitschrift Stichproben. Wiener
Zeitschrift für kritische Afrikastudien, 2/2001, pp.109-116, erhältlich am
Institut für Afrikanistik und dessen Fachbibliothek). Das methodische Problem
besteht kurzgesagt darin, dass die Identifizierung eines Paradigmas (bzw.
politischer Sprachen/ Traditionen/ Diskurse) immer ein mehr oder weniger an
Willkür beinhaltet, der mitunter zu weitreichenden Verzerrungen führen kann,
m.a.W. es gibt kein gesichertes methodisches Instrumentarium, wie
paradigmatische Diskurse ausfindig zu machen sind (in den Naturwissenschaften
mit hochformalisierten Modellen und klar erkennbaren Axiomen - jedoch nicht alle
Naturwissenschaften (z.B. die Humananthropologie) sind so beschaffen! - ist dies
vergleichsweise einfach, weil ein bestimmtes Modell, etwa die Newton'sche
Mechanik als Paradigma, innerhalb dessen sich praktisch alle Forschung bewegt,
einfach "erkannt" werden kann).