Nachlese 1. Einheit (10.10.02)
Dieser Bereich ist eine Ergänzung zu deinen eigenen Mitschriften und
kein Skriptum. Diese Nachlese ist kein Ersatz für
deine Mitschriften, sondern lediglich ein Zusatz!
"Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am
Leben, weil der Augenblick
ihrer Verwirklichung versäumt ward"
(Theodor W. Adorno, Negative Dialektik,
8. Aufl., Frankfurt/M. 1994, 15)
Thesen, Themen und Materialien zur ersten Vorlesungseinheit
Was ist Theorie? Was ist politische Theorie? Wozu Theorie?
Vorbemerkung: Die auf der Website vorfindbaren Materialien sind alleinig als Hilfestellungen gedacht und verstehen sich nicht als Vorlesungsmitschrift. Während wir in der Darstellung durchaus der Vorlesung folgen, wählen wir einige Punkte aus, die wir graphisch und/ oder durch Zitate und mittels Verweis auf weiterführende Literatur u.ä. darzustellen suchen. Manche Dinge werden gesondert dargestellt (z.B. methodisches, Arbeitstechniken, Hilfestellungen zum Arbeiten mit Texten).
(1) VERSCHIEDENE ANNÄHERUNGSMÖGLICHKEITEN AN DIE FRAGE "WAS IST
THEORIE UND IHR NUTZEN?"
(2) WARUM IDEENGESCHICHTE? GENÜGT NICHT MODERNE POLITISCHE THEORIE?
(3) STELLENWERT POLITISCHER THEORIE/ POLITISCHER IDEENGESCHICHTE
(4) LITERATURTIPPS ZUR EINFÜHRUNGSVORLESUNG
(5) BEGRIFFE DIESER VORLESUNGSEINHEIT
(1) Verschiedene Annäherungsmöglichkeiten an die Frage "Was
ist Theorie und ihr Nutzen?"
· Klassifikatorisch, aufzählen, ordnend:
Abbildung 1: Theorien von Politik - Eine Klassifikation
Etymologisch: Theorie kommt vom griechischen "Theoria", das
soviel wie "Anschauung, Betrachtung, Überlegung" heißt. Das griechische
Wort verweist somit auf den reflexiven Charakter des Theoretisierens. Theorie
beinhaltet immer ein Innehalten, ein Nachdenken über das was man selbst
oder andere tun (Praxis) bzw. die (soziale, physische...) Wirklichkeit an
sich.
Systematisch: Stellenwert theoretischer Reflexion für
das Verhältnis von Praxis und Wirklichkeit

Abbildung 2: Die Wechselbeziehungen zwischen Theorie, politischer Praxis und
gesellschaftlicher Entwicklung
Lies: Soziale Entwicklungen provozieren strukturierende Betrachtungen und kritische Einsichten ("theoretische Reflexion"), was wieder politische Praxis bestärkt oder verändert, die gesellschaftliche Folgen zeitigt, was wiederum erneut theoretische Reflexion provoziert usw.usw. Ideengeschichte beobachtet dieses reflexive Wechselspiel unter sich verändernden Diskurstraditionen.
Funktion politischer Theorie: sie entwirrt; sie zeigt Zusammenhänge
auf; sie lädt ein, disparate Entwicklungen zusammen zu denken.
Metapher des Eisbergs: Wie bei einem Eisberg, von dem der Betrachter
nur die Spitze sehen kann, sind alltägliche Probleme der politischen
Praxis (die "Themen" und "Schlagzeilen") nur Oberflächenerscheinungen
größerer Phänomene.

Abbildung 3
Politik als Beruf: das Verhältnis von Wissenschaft,
Vermittlungsinstitutionen und politischer Praxis:
Mit dem Modell vom Dreiecksverhältnis zwischen gesellschaftlicher Wirklichkeit/ Entwicklung, theoretischer Reflexion und Praxis (siehe Abbildung 2), das im Prinzip auf ein Individuum, eine Gruppe oder eine gesamte Gesellschaft angewendet werden kann, kann auch gut das Verhältnis von Wissenschaft und praktischer Politik beschrieben werden.
Abbildung 4: Schematischer Zyklus zwischen politischer Realität, politischer
Analyse und politikwissenschaftlicher Vermittlung
(2) Warum Ideengeschichte? Genügt nicht moderne politische Theorie?
- An der Geschichte politischer Ideen lässt sich gut darstellen, wie
unter unterschiedlichen Bedingungen politische Wirklichkeit beschrieben, Kausalverhältnisse
aufgezeigt und Vorschläge zur Veränderung der politischen Praxis
/ gesellschaftlichen Wirklichkeit gemacht worden sind. Theorien haben immer
einen geschichtlichen, sozialen, und politischen Kontext.
- Moderne Theorien schöpfen aus einem reichen Reservoir politischer Ideen
der Vergangenheit. Der deutsche Politologe Klaus von Beyme (Politische Ideengeschichte.
Probleme eines interdisziplinären Forschungsbereichs, Tübingen,
1969) hat ganz in diesem Sinn in der politischen Ideengeschichte ein "Lagerhaus
politischer Probleme" erkannt, die Argumente, Denk- und Problemlösungsansätze
auch für gegenwärtige Problem zur Verfügung stellt.
- Norbert Elias hat in einem etwas anderen Duktus (einem fortschrittsorientierten)
dazu das Bild von einer Kette, in der die Lampe des Wissens weitergereicht
wird, geprägt.
"Die Arbeit in den Menschenwissenschaften, wie in anderen Wissenschaften,
ist ein Fackellauf: man nimmt die Fackel von den vorangehenden Generationen,
trägt sie ein Stück weiter und gibt sie ab in die Hände der
nächstfolgenden Generation, damit auch sie über einen selbst hinausgeht.
Die Arbeit der vorangehenden Generation wird dadurch nicht vernichtet, sie
ist die Voraussetzung dafür, daß die späteren Generationen
über sie hinauskommen können". (Norbert Elias .Adorno-Rede.
Respekt und Kritik, in: ders./Wolf Lepenies: Zwei Reden anläßlich
der Verleihung des Theodor W. Adorno-Preises 1977, Frankfurt/M. 1977, 35-68)
- In ähnlicher Weise hat der amerikanische Politologe Robert K. Merton
die Bedeutung der Ideengeschichte für die Disziplin herausgestrichen:
WissenschaftlerInnen seien immer nur "Zwerge auf den Schultern von Riesen".
- Die Tatsache, dass für die Politikwissenschaften die eigene Theoriegeschichte
einen so hohen Stellenwert hat (im Gegensatz etwa zur Mathematik, wo die Disziplingeschichte
zumindest weniger wichtig erscheint), kann mit den unterschiedlichen Funktionen
von Wissensproduktion, die wiederum mit unterschiedlichen Arten von Wissen
zu tun hat, erklärt werden. Eine brauchbare Unterscheidung trifft der
deutsche Sozialphilosoph Jürgen Habermas:
"Empirisch analytisches Wissen kann die Form von kausalen Erklärungen
oder bedingten Prognosen, die sich auf beobachtbare Ereignisse beziehen, annehmen;
hermeneutisches Wissen hat in der Regel die Form einer Interpretation
von überlieferten Sinnzusammenhängen". (Jürgen Habermas,
Theorie und Praxis. Sozialphilosophische Studien, Frankfurt/M, 1972)
(3) Stellenwert politischer Theorie/ politischer Ideengeschichte
- Prinzipiell umfasst jede Beschäftigung mit Politik (sei es quantitativ-oberflächlich
wie in Umfragen, tagespolitisch - als Politiker oder Journalist - oder wissenschaftlich
in den Fächern der Politikwissenschaft - Internationale Beziehungen,
Vergleichende Politikwissenschaft, Regimelehre/ Österreichische Politik
- ein mehr oder weniger an Theorie.
- Für die Politikwissenschaften kann daher die Bedeutung von Theorie
(wie in (2) ausgeführt gehört da auch Ideengeschichte hinein) als
zentral angenommen werden.
- Der Stellenwert im Fach ist aber geographisch und historisch unterschiedlich.
- Neue Bedeutung und Neubewertung von Politischer Theorie und Ideengeschichte
ablesbar an zahlreichen Themen, die im Zuge der politischen Veränderungen
im späten 20.Jh. "aufgekommen" sind:
· an postmodernen Ideologie- und Theoriedebatten,
· an neuen politischen wie religiösen Fundamentalismen,
· am politischen Neo-Konservativismus (vertreten durch Margaret THATCHER
in Großbritannien und Ronald REAGAN in den USA),
· am Zerfall des Realsozialismus und am Ringen um Neukonzeptualisierung
marxistischer Theoriekonzeptionen,
· an der Debatte um den "Endismus" (Ende der Ideologie, Ende
der Geschichte, Ende der Politik usw.),
· an der Kritik am "Etatismus",
· an der feministischen Kritik an androzentristischen Politik- und
Demokratiemodellen,
· an der "Modernisierung" des Rechtsextremismus zur "neuen
Rechten" bzw. zum Rechtspopulismus,
· an neuen Nationalismen und Rassismen,
· an der Renaissance von Antisemitismus,
· an politischen Bemühungen um Neukonzeptualisierung von Liberalismus
(in Österreich verkörpert durch das "Liberale Forum"),
· an der liberalismuskritischen Tendenz des "Kommunitarismus", der
vor allem im angelsächsischen Bereich für eine neue Moral in Politik
und Wirtschaft plädierte und partiell auch unmittelbar politikstimulierend
wirkte (vgl. Bill CLINTONs und Tony BLAIRs Wahlkämpfe),
· am Hegemonialwerden des Neo-Liberalismus als marktradikale Variante
des Wirtschaftsliberalismus,
· am Niedergang der souveränen Nationalstaaten,
· an globalisierungs- und neoliberalismuskritischen Bewegungen (z.B.
Attac).
(4) Literaturtipps zur Einführungsvorlesung
Gute Aufsatzsammlung:
Kramer, Helmut (Hg.), Politische Theorie und Ideengeschichte im Gespräch,
WUV, Wien 1995
besonders die Aufsätze von:
Demirovic, Alex, Aspekte der theorietischen und politischen Praxis politischer
Theorie, S. 204-211
Kreisky, Eva, Pluralität, Differenz, Emanzipation, S. 245-257
Eine sehr gute Literaturliste findet ihr auf den Seiten zu den Grundkursen:
http://www.political-science.at/lehre/index.htm
Auszug aus dieser Liste zum Teilgebiet "Politische Theorie und Ideengeschichte":
Benz, Arthur 1997: Theorieentwicklung in der Politikwissenschaft. Eine Zwischenbilanz,
Baden-Baden
Beyme, Klaus von/Claus Offe (Hg.) 1996: Politische Theorien in der Ära der Transformation, Opladen
Beyme, Klaus von 2000: Die politischen Theorien der Gegenwart: eine Einführung, 8. neubearbeitete und erweiterte Auflage, Wiesbaden
Brodocz, André/Gary S. Schaal (Hg.) 2001/2002: Politische Theorien der Gegenwart I + II: eine Einführung, Opladen
Brunkhorst, Hauke 2000: Einführung in die Geschichte politischer Ideen, München
Druwe, Ulrich 1995: Politische Theorie, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Neuried
Fenske, Hans u.a. (Hg.) 1997: Geschichte der politischen Ideen : von der Antike bis zur Gegenwart, Aktualisierte Neuausgabe, Frankfurt/M.
Fetscher, Iring/Herfried Münkler (Hg.) 1985ff.: Handbuch der politischen Ideen, 5 Bände, München u.a.
Hartmann, Jürgen 1997: Wozu politische Theorie? Eine kritische Einführung für Studierende und Lehrende der Politikwissenschaft, Opladen
Heywood, Andrew 1999: Political Theory. An Introduction, Basingstoke
Kramer, Helmut (Hg.) 1995: Politische Theorie und Ideengeschichte im Gespräch, Wien
Kymlicka, Will 1996: Politische Philosophie heute: eine Einführung, Frankfurt/M.
Lenk, Kurt/Berthold Franke 1991: Theorie der Politik: eine Einführung, 2. Auflage, Frankfurt/M.
Lieber, Hans Joachim (Hg.) 1991: Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart, Bonn
Maier, Hans/Horst Denzer (Hg.) 2001: Klassiker des Politischen Denkens, 2 Bände, München
Morrow, John 1998: A History of Political Thought. A Thematic Introduction, New York
Neumann, Franz (Hg.) 1995/1996: Handbuch politische Theorien und Ideologien, Neuauflage in 2 Bänden, Opladen
Nitschke, Peter 2000: Einführung in die politische Theorie der Prämoderne 1500 - 1800, Darmstadt
Ottmann, Henning 2001: Geschichte des politischen Denkens : von den Anfängen bei den Griechen bis auf unsere Zeit, Band 1 Die Griechen (2 Teilbände), Stuttgart
Reese-Schäfer, Walter 2000: Politische Theorien heute: neuere Tendenzen und Entwicklungen, München/Wien
Rohe, Karl 1994: Politik: Begriffe und Wirklichkeiten. Eine Einführung in das politische Denken. 2. Völlig überarb. und erw. Aufl., Stuttgart u.a.
Stammen, Theo/Gisela Riescher/Wilhelm Hofmann (Hg.) 1997: Hauptwerke der
politischen Theorie, Stuttgart
(5) BEGRIFFE DER VORLESUNGSEINHEIT
Als Vorbereitung auf die Prüfung wird empfohlen, diese Begriffe in
verschiedenen Wörterbüchern (z.B. Herkunftswörterbuch, Enzyklopädie,
Politikwissenschaftliches, Soziologisches, Philosophisches Wörterbuch)
nachzuschlagen:
z.B. Definition von "Theorie" in: Encarta(R)
98 Enzyklopädie. (c) 1993-1997 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.:
"die; -,-n
1 wiss. Grundlage e-s Wissensgebietes
2 Lehre, Lehrmeinung, abgeleitetes System von Gesetzmäßigkeiten
3 wiss. Erklärung von Erfahrungen, Beobachtungen u. Versuchen
4 rein vorstellungsmäßige, abstrakte Betrachtungsweise, Ggs. Praxis"
z.B. Definition von "Theorie" in: Kluge, Friedrich,
Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Walter de Gruyter 1999,
23. Auflage: