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Nachlese 6. Einheit (14.11.02)
Thesen, Themen und Materialien zur sechsten Vorlesungseinheit: Hermeneutik
Hermes, in
der griechischen Mythologie der Botschafter der Götter, Sohn von Zeus
und Maia, der Tochter des Titanen Atlas. Als spezieller Diener und Kurier
von Zeus besaß Hermes geflügelte Sandalen, einen geflügelten
Hut und trug einen goldenen Kerykeion oder magischen Stab, der von Schlangen
umwunden und von Flügeln gekrönt war. Er führte die Seelen
der Toten in die Unterwelt, und man glaubte, dass er magische Kräfte
über Schlaf und Träume besaß. Hermes war auch der Gott des
Handels sowie der Beschützer der Händler und Herden. Als Gott der
Athleten sorgte er für den Schutz der Sportstätten, und man glaubte,
dass er für Glück und Wohlstand verantwortlich war. Trotz seiner
tugendhaften Eigenschaften war Hermes auch ein Gauner und Dieb. Am Tage seiner
Geburt stahl er das Vieh seines Bruders, des Sonnengottes Apollon, und verwischte
die Spuren, indem er die Herde rückwärts laufen ließ. Als
er von Apollon gestellt wurde, stritt Hermes den Diebstahl ab. Die Brüder
wurden schließlich wieder versöhnt, als Hermes Apollon seine neuerfundene
Leier gab. In der frühen griechischen Kunst wurde Hermes als erwachsener,
bärtiger Mann dargestellt. In Darstellungen der klassischen Kunst erscheint
er als athletischer junger Mann, nackt und ohne Bart.
"Hermes", Microsoft(R) Encarta(R) 98 Enzyklopädie. (c)
1993-1997 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.
1. Hermeneutik?
2. Brüche und Kontinuitäten
3. Schleiermacher
4. Dilthey
5. Heidegger
6. Gadamer
7. Habermas
8. Dogmatische - Zetetische Hermeneutik
9. Hermeneutischer Zirkel
10. Hermeneutische Differenz
11. Literatur
12. Links zum Thema
1. Hermeneutik?
___ Die Hermeneutik hat viele Gesichter. Sie ist:
- philosophische Disziplin
- Methode der Geisteswissenschaften
- Sinndeutung oder Interpretation.
Das "Verstehen" ist der gemeinsame Nenner der verschiedenen Auslegungen
und Spielarten der Hermeneutik.
Der Gegenstand der Hermeneutik ist der Text, etwa ein Buch
oder ein Brief. Als Texte können jedoch auch Gespräche, Bilder,
Gesetze, Filme, Sitten, Institutionen oder Handlungen verstanden werden.
Die Hermeneutik als wissenschaftliche Methode ist als strukturiertes,
planmäßiges Vorgehen zu verstehen. Das Wissen um die Bedeutung
soll hierbei eine präzise Interpretation z.B. eines Briefes ermöglichen.
In der politischen Theorie ist Hermeneutik als philosophisches Teilgebiet
zu verstehen, das der Frage nach den Grundlagen von Bedeutung, Sinn und Interpretation
nachgeht.
Die Hermeneutik beschäftigt sich mit:
- dem Text an sich und seinem Autor (z.B Roman oder
Talkshow)
- dem Medium, das die Botschaft übermittelt (z.B. Buch
oder TV-Sendung)
- dem Subjekt der Betrachtung (z.B Leserin oder Zuschauer)
Die Beschäftigung mit der Hermeneutik ist nicht auf die Wissenschaften
beschränkt. Da es um Bedeutung, Interpretation und Verstehen geht, wundert
es nicht, dass die Hermeneutik und ihre Ergebnisse für viele Gebiete
von Interesse sind.
Kunst, Kunstkritik, Werbung, Pädagogik oder Medien sind nur einige Bereiche,
die sich mit Texten (im weitesten Sinne) und deren Interpretation beschäftigen.
up
2. Brüche und Kontinuitäten
Im Übergang von der Klassik zur Moderne, also Ende des 18. Jahhunderts
(--> Franz. Revolution, Aufklärung) erlebt die Hermeneutik eine Neuformulierung:
Untersucht werden nun nicht mehr ausschließlich biblische (und ähnlich
autoritative) Texte. Das Interesse gilt nun allen Texten.
Dieses neue Interesse entspringt dem Geist der Aufklärung. Die Gabe der
Schöpfung wird nun nicht mehr (ausschließlich)
in Gott gesehen, sondern (auch) im menschlichen Wirken.
Auf allen Gebieten tritt der Mensch in den Vordergrund. Die Kunst ist nun
nicht mehr lediglich Abbild (und Huldigung) der Schöpfung Gottes, sondern
die schöpferische Kraft wird im Künstler erkannt. Die Figur des
Künstlers als Genie kann ab diesem Zeitpunkt erscheinen.
Strukturgleich verhält es sich in der Ökonomie. Die Wertbildung
ist nun nicht mehr als Gabe der Natur (Gottes) verstanden, sondern
der Wert bildet sich durch menschliche Arbeit (diese
Umwälzungen im Verständnis der Wertbildung ist datierbar mit Adam
Smith).
Diese Verschiebung hin zum Menschen als Schöpfer von Bedeutung,
Sinn und Wert ist die Vorraussetzung dafür, dass das Feld der
Hermeneutik erweitert werden kann.
Der Aufbruch, der durch die Aufklärung initiiert wurde bringt neue Tendenzen
mit sich, die sich auch im Feld der Heremeutik niederschlagen:
Die Tendenz zur Historisierung und die Tendenz zur Psychologisierung
[--> Schleiermacher und Dilthey].
Sehr vereinfacht gesprochen: Wenn die Bedeutung eines Textes nicht mehr direkt
von Gott kommt, dann muss sie im Leben, der Geschichte und der Intention des
Autors und des Rezipienten liegen. Gesucht wird nach einem Ursprung, nach
einer Vergangenheit oder bildlich gesprochen - nach dem (eigenen!) Gesicht.
Die untersuchten Texte offenbaren meist eine Kontinuität des (eigenen)
Geistes in die Vergangenheit hinein.
Eine Konsequenz der Zentrierung auf den Menschen ist, dass das Verstehen
nicht nur für eine Textinterpretation grundlegend sein kann, sondern
die Grundstruktur des menschlichen Daseins selbst sein muss
[--> Heidegger].
Die Hermeneutik tritt somit aus dem begrenzten Tätigkeitsfeld autoritativer
(schriftlicher) Texte und in eine weite Konzeption von Interpretation als
Welterschließung ein.
Sie öffnet sich somit einer Theorie der Kommunikation [-->
Habermas] und Fragen der Wahrheit und der
Macht [vgl. Einheit zu Diskuranalyse / Michel Foucault].
up
3. Schleiermacher
"Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst", Microsoft(R) Encarta(R) 98 Enzyklopädie. (c) 1993-1997 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.
Die Hermeneutik war bis Schleiermacher auf "klassische", "autoritative"
oder "heilige" Schriften beschränkt.
Schleiermacher erweitert das Wirkungsfeld der Hermeneutik auf alle Texte und
Produkte des Geistes. Diese Erweiterung ist folgenschwer für das Verständnis
von Wahrheit. Die Wahrheit (dieser heiligen Texte) wird
von Schleiermacher nicht mehr kommentiert und vervielfältigt, sondern
auf ihren Gehalt hin befragt. Dass nun alle Texte interpretiert werden,
relativiert die Wahrheit der heiligen oder klassischen Texte. Wahrheit
liegt nun nicht mehr in den Texten selbst, sondern wird in der von Schleiermacher
angestrebten Methode des Sinnverstehens erarbeitet. Die Texte erhalten
mit Schleiermacher eine Entstehungs-, Wirkungsgeschichte und einen Autor und
sind somit Produkte des Geistes und des Lebens. Sie werden Gegenstand des
Verstehens und dadurch auch Gegenstand von Missverständnissen.
Die Texte werden nun als Ausdruck der Intention, des Lebens und der geschichtlichen
Epoche des Autors verstanden. Verstehen bedeutet ein Wiedererleben
des Bewusstseins, des Lebens und des geschichtlichen Moments, dem die Texte
entstammen.
TEXT:
'Hermeneutik
und Kritik' (1838)
up
4. Dilthey
Neben seinen Arbeiten zur Literatur hatte Diltheys Erkenntniskonzept großen Einfluss auf die Entwicklung von Psychologie, Wissenschaftstheorie und Sozialwissenschaft im 20. Jahrhundert. Unter anderen wurden die Philosophen Edmund Husserl und Martin Heidegger sowie der Pädagoge und Kulturphilosoph Eduard Spranger von seiner Theorie beeinflusst. Dilthey starb am 1.Oktober 1911 in Seis bei Bozen.
"Dilthey, Wilhelm", Microsoft(R) Encarta(R) 98 Enzyklopädie. (c) 1993-1997 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.
Schleiermachers Biograph Wilhelm Dilthey beabsichtigt eine theoretische Fundierung
der verstehenden Geisteswissenschaften ("moral
sciences" John Stuart Mill 1863) in Abgrenzung zu den rein erklärenden
Naturwissenschaften.
Dilthey stellt mit seiner Kunstlehre (die Hermeneutik) eine Methode
in Aussicht, die die (historische) Distanz zum Text zu überwinden vermag.
Möglich sei dies durch das Hineinversetzen und Nacherleben
des Schöpfungsaktes des Textes. Diltheys Erkenntnistheorie ist stark
psychologisierend und setzt nicht zuletzt eine Genialität des Auslegers
voraus:
"Die Auslegung ist ein Werk der persönlichen Kunst, und ihre vollkommenste
Handhabung ist durch die Genialität des Auslegers bedingt; und zwar beruht
sie auf Verwandtschaft, gesteigert durch eingehendes Leben mit dem
Autor, beständiges Studium. So Winckelmann mittels Plato (Justi), Schleiermachers
Plato usw. Herauf beruht das Divinatorische der Auslegung."
(Die Entstehung der Hermeneutik)
Diltheys Auffassung, durch Einfühlung ein unmittelbares Verstehen
zu erreichen und somit die hermeneutische Differenz zu
überwinden, kann aus heutiger Sicht als überholt angesehen werden.
Seit Gadamer gilt die (historische) Distanz oder Differenz
zum Text als Teil jeder Interpretation.
Diltheys Verdienst liegt in der Problematisierung der Geisteswissenschaften
und dem Versuch der Ausarbeitung einer genuin geisteswissenschaftlichen Methodik.
Diltheys Ansatz, dem Text in seiner Wirkung zu verfallen und zu folgen, und
nicht seinem Kontext und seiner Wirkungsgeschichte, werden ihn für die
Literatur(wissenschaft) und die Philosophie interessant und/aber umstritten
machen.
TEXT:
'Die
Entstehung der Hermeneutik' (1900)
up
5. Heidegger
"Heidegger, Martin", Microsoft(R) Encarta(R) 98 Enzyklopädie. (c) 1993-1997 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.
Heidegger weitet den Begriff der Hermeneutik als einer Methode der Geisteswisenschaften
aus.
Bereits bei Dilthey war die Textinterpretation eine (etwas verklärte)
Seinsweise. Heidegger nun radikalisiert den Verstehensbegriff auf ein Seinsverstehen.
Vom schriftlichen Text losgelöst ist das Verstehen die Grundstruktur
menschlichen Daseins in seiner Endlichkeit.
Erst die eingene Endlichkeit und der Tod lassen die Vergangenheit in der Gegenwart
wirkunsvoll sein. Die Endlichkeit prägt die Begriffe des Seins, des Wissens
und der Wahrheit. Heidegger überführt somit die "einfache Textinterpretation"
und stellt eine Beziehung zwischen Sein-Zeit-Verstehen her. Er öffnet
die Hermeneutik somit für Analysen der Wahrheit und der Macht.
Texte zu Heidegger:
http://www.capurro.de/db.htm#Heidegger
up
6. Gadamer
Im Folgenden studierte er ein Semester bei Edmund Husserl in Freiburg. Hier begegnete er Martin Heidegger, dem er zurück nach Marburg folgte, wo dieser eine außerordentliche Professur für Philosophie übernommen hatte. Unter Anleitung von Paul Friedländer holte Gadamer das Studium der Klassischen Philologie nach, bevor er 1929 bei Heidegger mit einer Arbeit über Platons dialektische Ethik habilitierte.
1939 folgte er einem Ruf an die Universität Leipzig, wo er 1946/47 zum Rektor ernannt wurde. Von 1947 bis 1949 lehrte er in Frankfurt und von da an bis zu seiner Emeritierung 1968 in Heidelberg. 1953 begründete er die philosophische Zeitschrift Frankfurter Hefte.
Gadamer, der 1960 mit seinem Hauptwerk Wahrheit und Methode Berühmtheit erlangte, ist Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Akademien im In- und Ausland. Er ist Träger des Sigmund-Freud-Preises der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie des Hegel-Preises der Stadt Stuttgart und seit 1971 Ritter des Ordens "Pour le mérite". Sein Name ist untrennbar mit der philosophischen Hermeneutik verbunden. Geprägt von Heidegger, für den das Verstehen ein fundamentales Existenzial des menschlichen Daseins ist, entwickelt Gadamer seine Lehre, wonach jedes Verstehen stets ein Auslegen, vor allem aber ein Sich-selbst-Verstehen (Applikation) ist. In Wahrheit und Methode führt er am Leitfaden der Erfahrung von Kunst, Literatur und Geschichte den Nachweis, dass sich Verstehen auf die Erfahrung von Wahrheit richtet und mithin jeder wissenschaftlichen Methodik vorausgeht. Der universale Anspruch der Geisteswissenschaften liegt darin begründet, dass das Phänomen des Verstehens alle menschlichen Weltbezüge durchzieht. Da das Verstehen sprachgebunden ist, ist der Mensch als verstehendes vor allem ein sprachliches Wesen. Sprache aber ist nur im Gespräch, d.h. in der jeweiligen Aktualität des Verstehensvollzugs.
Verfasst von: Martin F. Meyer
"Gadamer, Hans-Georg", Microsoft(R) Encarta(R) 98 Enzyklopädie. (c) 1993-1997 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.
Quelle des folgenden Textes:
http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/hermeneutik/gadamer.htm
1960 veröffentlichte der Heidegger-Schüler
Hans-Georg Gadamer sein Hauptwerk Wahrheit und Methode, den großangelegten
Versuch einer "philosophischen Hermeneutik". Darin geht es ihm um
"Wahrheit" statt "Methode" (verstanden als Verfahrensweise,
die sachliche oder symbolische Zusammenhänge nach intersubjektiv kontrollierten
Regeln, also nach dem Vorbild der mathematisch-naturwissenschaftlichen "Methode"
zu analysieren sucht). Dieses Werk löste in der Folgezeit auch eine verstärkte
hermeneutische Reflexion in der deutschen Literaturwissenschaft aus.
Hermeneutik ist für Gadamer mehr Geschehen als Verstehen. Sie ist die
besondere Art und Weise, in der ein kulturell gewachsener Überlieferungs-,
Traditions- und Normzusammenhang aufrechterhalten bzw. weiterentwickelt wird.
Dabei akzentuiert Gadamer die Sprachlichkeit des hermeneutischen
Geschehens, d.h.er betont die Vorgegebenheit eines Sprachsystems und die Teilhabe
der Individuen daran. Durch das Lesen, Auslegen und Weitervermitteln von überlieferten
Texten, vor allem auch durch ihre Neuinterpretation, schließen wir unsere
Gegenwart immer aufs Neue an die soziokulturelle Tradition an.
Gadamer hebt die Bedeutung hervor, die der historische Ort des Verstehenden
für dessen Verstehen besitzt. Diese Bedeutung erläutert er am Begriff
des "Vorurteils". Er wird bei ihm nicht, wie in der Tradition der
Aufklärung und auch noch bei Schleiermacher, negativ verstanden als Quelle
des Mißverstehens. Das "Vor-Urteil" ist bei Gadamer die durch
Lebensgeschichte und Bildungsgeschichte vorstrukturierte Verstehensfähigkeit
des jeweiligen Subjekts, die es nun versuchsweise auf das neu zu Verstehende
"entwerfen" kann und meist korrigieren wird. In diesem Sinn ist
das Vorurteil für ihn nicht Störung, sondern geradezu produktive
Bedingung des geschichtlichen Verstehens.
Produktiv und eine Bedingung fast allen hermeneutischen Geschehens ist für
Gadamer daher auch der Zeitabstand (die hermeneutische Differenz) zwischen
(gegenwärtigem) Leser und (überliefertem) Text, den ja noch Dilthey
im Akt der Einfühlung überspringen wollte. Konkretisiert wird diese
geschichtliche Grundstruktur des Verstehens von Gadamer in der Metapher des
"Horizonts". Damit meint er den "Gesichtskreis,
der all das umfaßt und umschließt, was von einem Punkte aus sichtbar
ist" (S. 286). Der jeweils gegenwärtige Horizont ist in der
historischen und kulturellen Traditon von früheren Horizonten jedoch
nicht grundsätzlich verschieden, denn er bildet sich gar nicht ohne die
Vergangenheit. Tatsächlich ist er in steter Bildung begriffen, da wir
alle unsere Vorurteile ständig erproben. Die hermeneutische Tätigkeit
ist eine mehr oder weniger bewußte Konfrontation mit der Tradition,
die im Vollzug des Verstehens eine "Verschmelzung" des gegenwärtigen
mit dem vergangenen Horizont vollbringt.
Wenn nun nicht allein die einzelne hermeneutische Situation (also z.B. die
Lektüre oder Auslegung eines überlieferten Textes) betrachtet wird,
sondern auch die Tatsache, daß sie in aller Regel auf eine ganze Reihe
von entsprechenden Situationen folgt und ihrerseits wiederum neue, nachfolgende
hervorrufen kann, so eröffnet sich eine Dimension, die Gadamer Wirkungsgeschichte
nennt. (An diese Überlegungen knüpft in den siebziger Jahren besonders
die literaturwissenschaftliche Schule der Rezeptionsästhetik und -geschichte
an.) Wirkungsgeschichtliches Bewußtsein hat die eigene Situation nicht
naiv, sondern reflektiert an die Überlieferung anzuschließen. Es
soll die Zugehörigkeit der Gegenwart zur Tradition artikulieren, aber
nie vergessen, was sie von ihr trennt. Die Einschätzung Gadamers als
eines eher konservativen oder eher vorwärtsweisenden Denkers hängt
letzlich davon ab, wo der Akzent gesetzt wird: auf der Traditionsverbundenheit
oder auf der Abgrenzung von der Tradition.
Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen
Hermeneutik, 3. Aufl., Tübingen 1972.
Quelle:
http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/hermeneutik/gadamer.htm
TEXT:
'Wahrheit
und Methode' (1960)
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7. Habermas
"Habermas, Jürgen", Microsoft(R) Encarta(R) 98 Enzyklopädie. (c) 1993-1997 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.
Quelle des folgenden Textes: http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/hermeneutik/habermas.htm
Jürgen Habermas hat keine eigenständige oder
ausgearbeitete hermeneutische Theorie vorgelegt, weil sein wissenschaftlicher
Anspruch weiter zielt - auf eine Theorie des gesellschaftlichen Kommunikationsprozesses
schlechthin und auf dessen Verflechtung mit anderen Instanzen der Vergesellschaftung,
wie dem ökonomischen Prozeß und den sozialen und politischen Institutionen.
In diesem Rahmen einer Theorie des kommunikativen Handelns haben
dann allerdings auch hermeneutische Fragestellungen ihren Platz.
Wie Gadamer bestimmt auch Habermas das hermeneutische Problem des Textverstehens
als Sonderfall des Gesprächs, geht also von der Annahme einer Verständigungsgemeinschaft
aus. Aber anders als Gadamer ist Habermas davon überzeugt, daß
wir im Dialog oder Textverstehen nicht ohne weiteres den "Sinn der Sache"
annehmen müssen. Wir leben zwar in einer sprachlich strukturierten Gemeinschaft,
in der wir aber als "individuierte Einzelne" kommunizieren.
Die intersubjektive Geltung sprachlicher Symbole ermöglicht zweierlei
zugleich: die gegenseitige Identifikation "als gleichartige Subjekte",
aber auch das Festhalten an der "Nicht-Identität des eigenen
Ichs mit dem Anderen" (S. 199).
Auf die Texthermeneutik bezogen, fordert Habermas' kommunikatives Modell daher
eine doppelte Leistung: Rekonstruktion des historischen Sinns und eine gegenwärtige
Stellungnahme zum Geltungsanspruch jenes Sinns, d.h. möglicherweise auch
die im Horizont gegenwärtiger Erfahrung begründbare Abgrenzung von
ihm. An Stelle von Sinnverstehen, das auf Einfühlung oder unbefragter
Traditionsübernahme basiert, tritt eine geschichtsbewußte "Sinnkritik".
(In diesem Sinn setzt sich Habermas in seinem Buch Erkenntnis und Interesse
u.a. kritisch mit Diltheys Einfühlungshermeneutik auseinander.)
Diese Forderung basiert auf der Überzeugung, daß Sprache als Instanz
der Vergesellschaftung keineswegs jenes allumfassend-autonome System ist,
als das Gadamer sie noch sieht ("Sein, das verstanden werden kann,
ist Sprache"). Zwar ist es richtig, daß Sprache einerseits
das Umgreifende ist, andererseits aber ist sie zumindest partiell durch materielle
Gewalt der beiden Instanzen Arbeit und Herrschaft bestimmt (zum Beispiel:
Sprache als Medium von Politik, Werbung, Sprache am Arbeitsplatz, in der Prüfung
usw.). Die Möglichkeiten der Hermeneutik sollen präzisiert und dadurch
erweitert werden, daß sie die Dimension der Ideologiekritik in sich
aufnimmt. Der Begriff "Ideologie" wird bei Habermas in dem auf die
ältere Frankfurter Schule (Theodor W. Adorno, Max Horkheimer) und weiter
auf den frühen Karl Marx zurückgehenden Sinn von "notwendig
falschem Bewußtsein" gebraucht. Gemeint ist in diesem Zusammenhang,
daß reale Bedingungen der Vergesellschaftung (Familienstruktur, Arbeitsbedingungen,
Klassenstruktur und politische Verfassung einer Gesellschaft usw.) in systematischer
Weise ("notwendig") Bewußtseinsformen, Weltbilder und Deutungen
hervorrufen, mit deren Hilfe die Individuen sich in jenen Verhältnissen
zwar zurechtfinden, die ihnen aber zugleich die Einsicht in die tatsächlichen
Strukturen verschleiern und verwehren.
Für Habermas ist es nun gerade die relative Offenheit des Sprachsystems,
die es ermöglicht, den Geltungsanspruch sprachlich fixierter Traditionsansprüche
zu problematisieren. Aber nicht in der Weise, daß - wie bei Gadamer
- die eindeutige Geltung des tradierten Sinnes bekräftigt wird; vielmehr
so, daß im Verstehen bzw. in seiner sprachlichen Explikation (z.B. in
einer Text-Interpretation) gerade auch die Nicht-Identität, das Nicht-Einverständnis
mit dem intendierten Sinn und seinem Geltungsanspruch artikuliert werden kann.
Damit gewinnt auch das hermeneutische Verfahren Anteil am emanzipatorischen
Erkenntnisinteresse.
Quelle:
http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/hermeneutik/habermas.htm
TEXT:
Zu
Gadamers "Wahrheit und Methode" (1967)
up
8. Dogmatische und Zetetische Hermeneutik
Quelle des folgenden Textes: http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/philo/herm.htm
I. Die dogmatische Hermeneutik ist
die Methodologie des interpretierenden Umganges mit institutionell ausgezeichneten
"autoritativen" Texten und Dokumenten. Zu diesen gehören in
erster Linie sog. heilige Schriften und in Geltung stehende Gesetzestexte,
die ihrerseits die Grundlage für die Ausbildung sog. dogmatischer Disziplinen
wie Theologie und Jurisprudenz darstellen. Der Typus der dogmatischen Hermeneutik
wurde seinerseits jeweils im Rahmen dieser Disziplinen als methodologische
Teildisziplin entwickelt. Nach ihrem Beispiel sind (spätestens seit der
Renaissance) auch die sog. Klassiker der Profanliteratur in der Philologie
dogmatischen Interpretations-verfahren beim Übersetzen unterworfen worden.
Hierbei sind im Laufe der Zeit die autoritativen Wörterbucher und Grammatiken
zu hermeneutischen Regelkanons dafür geworden, wie ein und derselbe Sinn
in zwei oder mehreren Sprachen durch Wörter und Wendungen ausgedrückt
werden kann und soll. Dies gilt aber auch für die interpretierende "Aufführung"
in den darstellenden Künsten und in der Musik, wo der Sinn der Rollen
und musikalischen Notationen nicht in theoretischer Artikulation, sondern
im lebendigen (Schau- und Musik-)"Spiel" vorgeführt wird, die
man daher ebenfalls "Interpretationen "nennt. Was dabei in der sog
klassischen Philologie und darüber hinaus in jedem Fache als "klassisch"
gilt, verdankt diese Auszeichnung einer institutionellen Funktion als "bedeutsam,
wichtig und maßgeblich" für die ganze Kultur oder Teilbereiche
derselben. In der Moderne sind dann auch die literarischen Arbeits- und Lehrtexte
aller Disziplinen, wie Lexika und Enzyklopädien, Lehr- und Handbücher,
als "dogmatische" Texte behandelt worden, so daß der Umgang
mit ihnen ebenfalls durch die dogmatische Hermeneutik gesteuert wird.
Schließlich ist darauf hinzuweisen, daß auch im Zusammenhang der
naturwissenschaftlichen und der formalen (logischen und mathematischen) Methodologie
vielfach von "Interpretation" die Rede ist: Interpretation bzw.
Deutung von Fakten und Phänomenen (statistische Erhebungen, Versuchsprotokolle
u.ä.) - die oft auch "Bewertung" genannt wird - einerseits,
und von formalen Kalkülen andererseits. Ersichtlich geht es auch hierbei
um Übersetzung bzw. Übertragung des strukturellen Sinnes von Formalismen
(Kalkülen, Strukturkernen von Theorien) auf Phänomene und ihre Zusammenhänge,
und umgekehrt von Eigenschaften und Zügen phänomenal-anschaulicher
Gegebenheiten (Modelle) auf formale Strukturen. Auch diese stehen unter Regeln
einer dogmatischen Hermeneutik (z. B. Theorien sind zu exhaurieren und nicht
ohne Not aufzugeben; Phänomene sind zu "retten" und dürfen
nicht ohne Not als artifizielle Produkte von Versuchsanordnungen oder gar
Meßfehlern gedeutet werden; formale Kalküle müssen durch mindestens
ein Modell deutbar sein u.ä.). Freilich sind diese hermeneutischen Einschüsse
in der Methodologie der Naturwissenschaften, die auf die neuplatonische Tradition
einer "interpretatio naturae" zurückgehen, noch keineswegs
in einem angemessenen Klärungszustand. Gleichwohl wird man auch sie als
Ausprägungen dogmatischer hermeneutischer Verfahren charakterisieren.
Die Einstellung des "Dogmatikers", sei er Theologie, Jurist oder
Lehrer eines bestimmten Faches, ist - noch immer gut platonisch - die, daß
er sein (wie immer und woher auch erworbenes) Fachwissen schon mitbringt und
am jeweiligen Institutionentext (der Bibel, dem Gesetzbuch, dem Lehr- und
Wörterbuch, dem "Klassiker") belegt und verdeutlicht, mithin
sein "Vorwissen" anhand der Texte konkretisiert und dokumentiert.
Und er tut es in der Regel nur ad hoc, aus gegebenem Anlaß zur Beantwortung
einer bestimmten Glaubens- oder Gewissensfrage, zur Entscheidung eines Rechtsfalles,
zur Aufführung eines bestimmten Schauspiels oder Musikwerkes oder zur
Vergewisserung über einen bestimmten Lehrgegenstand. Die dogmatische
Hermeneutik ist daher auch ihrer Natur nach:
1. streng und strikt fachgebunden (disziplinär), d.
h. sie hat immer von den dogmatisierten Vorurteilen und Vorverständnissen
des jeweiligen Faches auszugehen, die im Fache als sog. letzter Stand des
Wissens gelten. Man verwechsle diesen Wissensstand nicht mit einer herrschenden
Meinung im Fache oder einer bevorzugten Theorie einer Schule. Meinungsvielfalt
und Theorienpluralismus in einer Disziplin, die der Fachmann überschauen
und beherrschen muß, liefern vielmehr normalerweise gerade die maßgeblichen
und zugelassenen Hauptgesichtspunkte (Topoi) für die jeweilige Einzelinterpretation
der dogmatischen Texte, und sie erschließen damit sog. kanonische Spielräume
für diese Interpretationen. Der Fachmann muß sie kennen und unterscheidet
sie in der Regel sehr genau von allem "Allotria" dilettantischer,
unfachlicher oder fachfremder Gesichtspunkte.
2. Vor allem macht die dogmatische Hermeneutik keine Wahrheitsansprüche
und kennt auch keine Wahrheitskritien. Wenn gleichwohl in jeder Dogmatik mehr
oder weniger emphatisch die "Wahrheit", z.B. der hl. Schrift, des
Gesetzes, eines Kunstwerkes oder eines Lehrgehaltes, beschworen wird, so ist
damit die jeweilige Kulturbedeutung des Artefakts, nicht aber das Erkenntnisverfahren
gemeint Die dogmatische Hermeneutik richtet sich daher
3. ausschließlich nach Kriterien der Qualität
und Effizienz. Eine dogmatische Interpretation kann daher gut oder schlecht,
fachgerecht oder dilettantisch, elegant oder überzwerch, scharfsinnig
oder dumm, im Grenzfall noch zulässig oder abwegig genannt werden, nicht
aber wahr oder falsch. Das Effizienzerfordernis besagt, daß eine dogmatische
Interpretation
4. immer gelingen muß (Non-liquet-Verbot) und somit
ein Ergebnis zu zeitigen hat, das den Bezugstext als "sinnvoll und einschlägig"
für die gewünschten Antworten erscheinen läßt. Dabei
spricht man
5. gewöhnlich von einer "überschießenden
Sinnfülle" des dogmatischen Bezugstextes, die grundsätzlich
nicht auszuschöpfen ist: Die heilige Schrift ist "höher als
alle Vernunft", das Gesetz ist "klüger als der Gesetzgeber",
der Klassiker "hat uns immer noch etwas zu sagen", und auch das
gute Lehrbuch "bietet mehr, als man ad hoc gerade verwenden kann".
Für die Durchführung von Einzelinterpretationen haben die älteren
dogmatischen Disziplinen spezifische fachliche Regeln - sog. hermeneutische
Kanons - entwickelt. Sie sind sämtlich darauf ausgerichtet,
die jeweiligen dogmatischen Texte als Bezugstexte auszuzeichnen und von anderen
Textsorten abzugrenzen und zugleich die Fachgebundenheit und Effizienz der
Auslegungen zu gewährleisten. Für den ganzen Bereich der Lehre,
soweit sie als dogmatische Interpretation kanonischer Lehrbücher betrieben
wird, sind sie indessen noch keineswegs in übersichtlichem Zustand konsolidiert
worden. Sie werden hier im besten Falle eher "kunstmäßig"
und "taktvoll" und vielleicht auch mit "divinatorischem Gespür"
praktisch beherrscht und befolgt. Da sie fachspezifisch sind, läßt
sich nur am Beispiel zeigen, worauf es dabei ankommt. So hat die abendländische
Theologie schon früh Lehren vom zwei- oder mehrfachen Schriftsinn ausgebildet.
Der sog. buchstäbliche (Literal-)Sinn oder vordergründige Sinn wird
vom eigentlichen (kerygmatischen) Sinn oder Hinter-Sinn (sensus mysticus)
unterschieden, und letzterer kann seinerseits wieder in mehrere Sinnrichtungen
verfolgt werden nach der bekannten Regel: Littera gesta docet, quid credas
allegoria; moralis quid agas, quo tendas anagogia (Der buchstäbliche
Sinn lehrt die Fakten, die Allegorie den Glaubensinhalt, der moralische Sinn
das, was zu tun ist, der "erbauliche", wonach zu streben ist). Der
Jurist seinerseits kann sich dogmatisch interpretierend nur auf die geltenden
Gesetze beziehen (was nach nicht unumstrittener Lehre auch gelegentlich heißt,
daß er "überpositives" - ungeschriebes - Recht in die
positiven Gesetzestexte hineindeuten muß). Er interpretiert das Gesetz
nur aus "gegebenem Anlaß" eines vorliegenden Falles, für
dessen Beurteilung er sich auf eine oder mehrere gesetzliche Maximen berufen
muß. Für die Konstruktion des inhaltlichen Sinnes der Maximen hat
er die oben genannten kanonischen Spielräume zur Verfügung, die
durch (meist alternative) Standardargumente eröffnet werden: Die Maxime
ist entweder eindeutig gemäß "planem" Wortverständnis
oder sie läßt mehrere Deutungen zu. Ist sie mehrdeutig, so wird
sie nach vorgängigem Beispiel höherer Instanzen (Präjudiz)
interpretiert (das ist am sichersten).
Diese Präjudizien sind selbst Interpetationen, die aus dem Kontext der
behandelten Materie ("ratio legis") oder auch gemäß der
historischen Intention des Gesetzgebers ("Wille des Gesetzgebers")
gewonnen wurden. Verschränkt damit kann ein einzelner Gesetzesterminus
gegebenenfalls im üblichen Wortsinn oder restriktiv (eingeschränkter
Begriffsumfang) oder erweitert (ausgeweiteter Anwendungsbereich des Begriffs,
im Strafrecht unzulässig!) interpretiert werden. Vielerlei Denkfiguren
für die Verknüpfung von Rechtsbegriffen zu Auslegungstopiken lassen
sich aus der Analogie zu Denkfiguren in jeweils anderen Rechtsbereichen gewinnen.
Hierin bewährt sich am meisten juristischer Takt und Gespür für
das, was unter besonderen Umständen als Argumentation für eine Interpretation
überzeugen kann. Daß diese Spielräume nicht zu willkürlichen
Gesetzesauslegungen (wohl aber zu effektiven Interpretationen) führen,
liegt heute eher am Gewicht der Präjudizien der höheren Instanzen
auch im kontinentaleuropäischen Recht, während die Präjudizien
im angelsächsischen Recht schon immer diese vereinheitlichende Funktion
hatten. Gleichwohl dürfte die zunehmende Unberechenbarkeit richterlicher
Auslegungen und Entscheidungen in schwierigeren Fällen zeigen, daß
die dogmatische Hermeneutik der Jursiprudenz an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit
gelangt ist.
Als wesentlich wird bei der dogmatischen Hermeneutik gewöhnlich der "applikative
Aspekt" - die Anwendungsbezogenheit - herausgestellt, der sich daraus
ergibt, daß sie nur ad hoc, d.h. zur Beantwortung bestimmter Fragen
und zur Lösung von bestimmten Problemen (Rechtsfälle) eingesetzt
wird. Durch die dogmatische Interpretation wird ein (institutionell gestützter)
Textsinn so aufbereitet, daß er für die Anwendung auf praktische
Fragen nutzbar wird. Gleichwohl sollte man auch hier genau zwischen der eigentlichen
Interpretation und der Anwendung des dadurch gewonnenen Textsinnes auf die
Probleme unterscheiden. Die Anwendung auf den Fall unterliegt ihrerseits nicht
hermeneutischen, sondern logischen Regeln der Subsumption des Einzelnen und
Besonderen (des Falles bzw. des Problems) unter das Allgemeine (des hermeneutisch
festgestellten Textsinnes): Der festgestellte Textsinn liefert die logischen
Prämissen für die schlußmäßige Deduktion einer
Antwort auf die gestellten Fragen bzw. eines Urteils über den anstehenden
Fall.
II. Die zetetische Hermeneutik ist aus der dogmatischen entstanden.
Sie verdankt sich geradezu der Kritik an der Verengung des Blickwinkels der
dogmatischen Ausleger heiliger Schriften, der Gesetze und klassischer Autoritäten,
wie sie schon die antiken Skeptiker, insbesondere Sextus Empiricus mit seiner
Schrift "Adversus dogmaticos", vorführten. Von Sextus Empiricus
stammt auch die hier zugrundegelegte Unterscheidung von zetetischer (forschender)
und dogmatischer (autoritätsgebundener, schulmäßig oder fachlich
eingeschränkter) Einstellung. Da aber die kritische und forschende Einstellung
im modernen Wissenschaftssystem weithin als einzig angemessene gilt, bestehen
erhebliche Widerstände gegen die Verwendung auch nur des Terminus "dogmatisch"
im Zusammenhang wissenschaftstheoretischer Erörterungen, und so wird
gerne jede Art von Auslegung für eine "forschende" gehalten.
Gleichwohl dürfte die Abgrenzung der dogmatischen Hermeneutik von der
zetetischen unverzichtbar sein, wenn man eine große hermeneutische Tradition
und tatsächlich geübte methodische Verfahren adäquat beschreiben
will.
Die zetetische Hermeneutik beruht auf Prinzipien, die sich - aus der Kritik
an der dogmatischen Hermeneutik entwickelt - als deren genaue Alternativen
darstellen. Sie setzt voraus, daß grundsätzlich alles Textmaterial,
darin eingeschlossen auch die dogmatischen Texte, und darüber hinaus
auch alle Arten von Kulturdokumenten, in ihren Gegenstandsbereich fallen.
Ebenso setzt sie voraus (und darin weitgehend durch die realistische Einstellung
bestimmt), daß alle Dokumentarten in ihrem Zeichenvorrat schon bestimmten
Sinn und Bedeutung enthalten, den es in der jeweiligen Interpretation "auszuschöpfen"
und mittels der "Interpretation" wiederzugeben, zu "rekonstruieren"
oder auch "abzubilden" gelte. Kritisch-zetetische Einstellung wird
dabei wesentlich in vorurteilsloser Offenheit und Unvoreingenommenheit gegenüber
dem, was sich als Sinn der Texte zeigen soll, gesehen. Ihr Ziel ist daher
auch die Erstellung von Interpretationstheorien, die diesen Sinn eindeutig,
vollständig und adäquat darstellen. "Hermeneutische Wahrheit"
wird dabei gemäß der realistischen Korrespondenztheorie der Wahrheit
aufgefaßt. In idealistischer Einstellung handelt es sich jedoch um Bildung
und "kohärente" sowie "komprehensive" Konstruktion
des Sinnes nach Maßgabe der Kohärenztheorie der Wahrheit.
Als Prinzipien der zetetischen Hermeneutik lassen sich herausstellen:
1. Sie ist als Methodendisziplin grundsätzlich interdisziplinär
- im Gegensatz zur Fachgebundenheit der dogmatischen Hermeneutik. Das schließt
nicht aus, daß spezielle Text- und Dokumentarten zum Gegenstandsbereich
jeweils spezifischer Disziplinen gehörten. Interdisziplinarität
meint einerseits die "Universalität" und ubiquitäre Anwendbarkeit
der Methodologie in grundsätzlich allen Disziplinen. Andererseits bedeutet
sie auch, daß das zum zetetischen Verstehen notwendige Wissen grundsätzlich
aus allen jeweils einschlägigen Disziplinen gleichsam zusammengeholt
werden muß. Der wirkliche "Gelehrte" muß in der Lage
sein, auch über seine Fachgrenzen hinaus "Vorwissen" aufzunehmen
und sich für seine Verstehensbemühung zunutze zu machen.
2. Ist sie strikten Wahrheitskriterien unterworfen.
Das heißt, daß nur die Resultate zetetischer Interpretationen
als wahr, falsch oder ggf. auch als wahrscheinlich gekennzeichnet werden können.
Hier ist vor allem von der verbreiteten falschen Einschätzung zu warnen,
zetetische Interpretationen seien schon deshalb wahr (oder sogar grundsätzlich
wahr), weil und insofern sie einen "sinnvollen Wahrheitsgehalt"
aus einem Text entnähmen (oder in ihn hineinlegen). Derartige Qualifizierungen
gehören vielmehr zum rhetorischen Repertoire der dogmatischen Hermeneutik.
In der zetetischen Hermeneutik kommt es, wie viele ihrer Klassiker schon frühzeitig
bemerkt haben, haufig darauf an, bei überhaupt wahrheitsrelevanten Texten
(meist wissenschaftlichen Dokumenten) neben der evt. Wahrheit auch evtl. Falschheit
zu beurteilen, so daß eine sog. wahre Interpretation durchaus gerade
auch die Falschheit eines sinnvollen Gedankens verständlich macht. Als
eigentliche Wahrheitskriterien kommen nur die Kriterien der logischen Kohärenz
und der Umfassendheit (Komprehensibilität) der jeweiligen Interpretationstheorie
in Frage, wenn man davon ausgeht, daß die Interpretation nicht einen
von ihr unabhängigen (und von ihr unterscheidbaren) Textsinn "korrespondierend"
abbildet, sondern daß die Interpretation selber dieser Sinn ist.
3. Spricht man überhaupt von der Qualität einer
zetetischen Interpretation, so kann es sich nicht um gut oder schlecht, zulässig
oder unzulässig u.ä. handeln wie bei der dogmatischen, sondern ausschließlich
um die Wissenschaftlichkeit der Methodenverwendung und der
Einbettung der vorgeschlagenen Interpretation in den Kontext des einschlägigen
interdisziplinären Wissens. Von einer zetetischen Interpretation wird
man daher mit Recht verlangen können, daß sie sich "auf dem
letzten Stand der Wissenschaft" befindet und das Fachwissen dabei vermehrt
und vertieft.
4. Ist bei zetetischen Interpretationen gegebenfalls auch
mit einem Non liquet ("nicht klar"), also negativen
Ergebnissen zu rechnen wie auch sonst in jedem Forschungsunternehmen.
Dies ist ein heikler Punkt, den bekanntlich kein Forscher gerne eingesteht,
weil er allzu leicht individueller Inkompetenz angelastet wird. Ein vager
"Sinnlosigkeitsverdacht", wie er haufig polemisch geäußert
wird ("das verstehe ich nicht" oder "Nonsens") genügt
in keinem Falle, und selbst wenn er substanziiert und bewiesen würde,
so würde er den Interpretationsgegenstand nur aus der Klasse der Artefakte
ausschließen und in die der "sinnfreien" Gegenstände
befördern. Gleichwohl kommt es nicht allzu selten vor, daß trotz
bestehendem "Sinnhaftigkeitsverdacht" von Texten und Artefakten
der genuine Sinn mangels einschlägigem Wissen nicht festgestellt werden
kann. Die Sinnvermutung kann dann allenfalls zu hypothetischer Wahrscheinlichkeit
der zetetischen Interpretation führen.
5. Setzt man beim zetetisch zu interpretierenden Dokument
historisch und systematisch beschränkten Sinngehalt
voraus, so daß - wie Kant schon bemerkte - in der Regel "der Autor
besser verstanden werden kann, als er sich selbst verstanden hat".
Die Kanons bzw. Regeln der zetetischen Hermeneutik sind heute nichts weniger
als unumstritten, und die Verabsolutierung des einen oder anderen Kanons unter
Vernachlässigung anderer bestimmt nachhaltig die Kontroversen über
das, was eigentlich Hermeneutik sei. Manche Autoren - wie etwa H-G. Gadamer
- gehen sogar davon aus, daß es hierbei überhaupt keine Regeln
geben könne, da das forschende Interpretieren eine Sache des Taktes,
der kühnen Hypothesen, der Divination oder gar der "künstlerischen"
Intuitionen sei.
Um sich jedoch über die faktischen Regeln zu vergewissern, tut man auch
heute noch gut daran, sich an dem von Aristoteles für alle Forschung
aufgestellten Schema der sog. Vier Ursachen zu orientieren, welches "Erklärungsgründe",
d.h. auch Interpretationsargumente, in vier verschiedenen Dimensionen aufzusuchen
empfiehlt. Es gilt demnach:
a. die "materiale" Textbasis eines zu
interpetierenden Dokumentes bibliographisch und kontextuell zu sichern,
b. die "formalen" Bedingungen der Textgestalt
(Disposition, Gattungszugehörigkeit) und die die Ausdrucksformen prägenden
Ideen in ihrer grammatischen und logischen Form zu eruieren,
c. den "Ursprung und die Herkunft" des
Textes (ggf. von einem Autor, aus einer Schule, aus einer Epoche) nach Anlaß
und Umständen seiner Entstehung und den Wirkfaktoren bzw. Traditionen,
die hierauf "Einfluß" ausübten, festzustellen, und
d. den Zweck bzw. die Intention eines Textes (man
sagt allerdings meist: des Autors) zu klären, wozu man sich bei älteren
Texten der Einbeziehung der sog. Wirkungsgeschichte bis auf das eigene
gegenwärtige Interesse des Auslegers an seinem Text versichern muß.
Man kann sie gewiß noch weiter differenzieren, gerät damit aber
nur in Details, auf die man wegen ihrer Trivialität gewöhnlich nicht
achtet, und die doch nach festen Regeln der wissenschaftlichen Fairness und
des geisteswissenschaftlichen "know how" getätigt werden. Zum
ersteren gehört etwa die Regel der "hermeneutischen Billigkeit"
(charity principle), nach der man einem Autor bis zum Beweis des Gegenteils
selber Redlichkeit darin unterstellt, daß er auch gemeint habe, was
er sage, und umgekehrt, daß man also nicht mit "malitiösen"
Unterstellungen auslege. Zum allgemeinen know how dürfte das Prozedere
nach dem "hermeneutischen Zirkel" gehören,
der in der hermeneutischen Literatur vielfach verhandelt wird. Er besagt,
daß man sich beim Interpretieren vom Einzelnen und Besonderen zum Allgemeinen
und Ganzen erheben und von da wieder zum Einzelnen hinabsteigen müsse.
Er beschreibt damit sehr zutreffend logische Induktion und Deduktion als Verfahren,
die wie in jeder Theoriebildung so auch in der geisteswissenschaftlichen Interpretationsgewinnung
anzuwenden sind. Das Einzelne und Besondere sind hier die Elementarbedeutungen
der Wörter eines Textes, von denen man zum Satz- und Argumentsinn bis
zu zum Sinn des ganzen Textes - und gegebenfalls darüber hinaus bis zum
Gesamtsinn eines umfassenden Kontextes - fortschreitet (Induktion), während
man umgekehrt wieder vom Gesamtsinn als Resultat der Induktion oder auch als
hypothetisch-antizipierende Sinnvermutung zur Bedeutungsfestlegung der Einzelheiten
herabsteigen kann (Deduktion).
In der Praxis handelt es sich freilich kaum jemals um einen einzigen induktiv-deduktiven
Kreislauf, sondern um viele in Antizipationen und Bestätigungen sich
gegenseitig kontrollierende Schritte, so daß eher von "hermeneutischen
Kreiseln" zu reden wäre. Damit wird jedenfalls gesichert, daß
die zetetische Interpretation eines Dokumentes sich als widerspruchslose und
kohärente Theorie aufbauen läßt, was seinerseits eine notwendige
Bedingung ihrer Wahrheitsfähigkeit darstellt.
Die gegenwärtige Lage der Disziplin Hermeneutik ist
durch außerordentlich lebhafte und kontroverse Diskussionen und damit
ineins durch eine kaum mehr übersichtliche thematische Literatur und
Nomenklatur gekennzeichnet. Man tut daher gut daran darauf zu achten, wovon
jeweils die Rede ist.
Zu unterscheiden ist auf jeden Fall zwischen:
1. Interpretation im Sinne der Sinndeutung, Auslegung (Exegese)
bzw. Verstehensexplikation einzelner Textstellen oder Texte und Kontexte nach
den genannten kanonischen (dogmatischen oder zetetischen) Regeln.
2. Die Theorie dieser Regeln bzw. Kanons selber, die zur
hermeneutischen Methodologie gehören.
3. Hermeneutik im Sinne der methodologischen Disziplin.
Der Schwerpunkt der Debatten dürfte beim letzteren Punkt liegen. Es geht
um die Einschätzung des Status und der wissenschaftlichen Dignität
der Hermeneutik überhaupt. Auf der einen Seite wird vom analytisch-positivistischen
Lager aus die Hermeneutik - vor allem wegen ihrer dogmatischen Verfahren -
als un- oder vorwissenschaftliche Pseudomethodologie verworfen (H. Albert)
oder allenfalls als heuristische Vorstufe für die "logische Rekonstruktion"
von Theoriesinn anerkannt (W. Stegmüller). Auf der anderen Seite stehen
hermeneutizistische Ansätze, die die "Universalität der Hermeneutik"
in allen Erkenntnisfragen behaupten (F. Nietzsche: Alles ist Interpetation;
M. Heidegger: Verstehen als existentialer Weltentwurf; Lenk: Philosophie als
Interpretations-konstruktionismus, H.-G. Gadamer: Unhintergehbarkeit des sprachlichen
Verstehens).
Insgesamt dürften von der gegenwärtigen Hermeneutikdiskussion im
Spannungsfeld solcher Extreme wesentliche Beiträge zur Entwicklung der
Wissenschaftstheorie der Geisteswissenschaften und darüber hinaus der
allgemeinen Wissenschaftstheorie zu erwarten sein.
Prof. Dr. Lutz Geldsetzer [http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/philo/geldsetz.html]
Quelle: http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/philo/herm.htm
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9. Hermeneutischer Zirkel
Quelle: http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/hermeneutik/hzirkel.htm
Eine hermeneutische Grundregel besagt, daß das
Ganze aus dem Einzelnen und das Einzelne aus dem Ganzen verstanden werden
muß. Dieses Prinzip wird traditionell als hermeneutischer Zirkel
bezeichnet. Es ist zurückzuführen auf die antike Rhetorik, genauer
auf den Topos: Es kann von den Teilen auf das Ganze geschlossen werden.
Die Autoren der philosophischen Hermeneutik definieren den Charakter und die
Reichweite der Zirkelbewegung unterschiedlich. Schleiermacher sieht den hermeneutischen
Zirkel sowohl in der "grammatischen Interpretation" (z.B.
zwischen Wort und Satz, Satz und Absatz, Absatz und Textganzem usw.) als auch
in der "psychologischen Interpretation" (zwischen dem Text
als Ausdruck bzw. Teil des Seelenlebens des Autors und dem Ganzen seines Seelenlebens)
gegeben. Für Gadamer beschreibt der Zirkel das Verstehen als Aneignung
der Überlieferung durch den Interpreten, der sich zunächst in einer
Position zwischen Fremdheit und Vertrautheit befindet. Die Vertrautheit, die
sich aus seiner kulturellen Zugehörigkeit ergibt, erlaubt es ihm, den
Sinn des Textes zu antizipieren, um dieses 'Vorurteil' mit zunehmendem Verständnis
des Textes jeweils zu korrigieren.
Jürgen Habermas möchte die Zirkelbewegung um die ideologiekritische
Komponente erweitert wissen. Für ihn verläuft sie nicht einfach
vom Ganzen zum Teil und zurück zum Ganzen des Textes, sondern von einem
vorläufigen, sprachlich-grammatischen Verständnis über das
Problem 'dunkler Stellen' zur sachlichen (historisch-empirischen) Klärung
und schließlich zu einem komplexeren Textverstehen. Nach Habermas berücksichtigt
die ideologiekritische Interpretation sowohl die Zeitgebundenheit eines Textes
als auch seine (potentielle) Aktualität. Das kritische Verstehen historisch
ferner Texte liefert demnach nicht lediglich Auskunft über die Vergangenheit,
sondern auch über die Gegenwart. Diese dialektische Erfahrung ist gemeint,
wenn Habermas von der "kritischen Selbstreflexion" spricht,
die durch Hermeneutik und Ideologiekritik vorangebracht werde.
Der Literaturwissenschaftler Karlheinz Stierle kritisiert die 'Methodenfeindlichkeit'
der gegenwärtigen, durch Gadamer geprägten Hermeneutik. Für
ihn ist es unerläßlich, den hermeneutischen Zirkel zu einem "struktural-hermeneutischen
Zirkel" zu erweitern. In einem solchen Zirkel käme sowohl die
methodenbezogene Erfassung der Struktur als auch die lebensweltliche Erfahrung
literarischer Werke zur Geltung. Damit schlösse sich auch die Kluft zwischen
sogenannter wissenschaftlicher Erkenntnis und ästhetischem Genuß.
Jürgen Bolten schließlich plädiert für den Begriff der
"hermeneutischen Spirale", den er für angemessener
hält als den des hermeneutischen Zirkels. Im Grunde, so Bolten, werde
doch der Vorgriff auf das Ganze des Textes durch ein genaueres Verständnis
des Einzelnen immerzu korrigiert. Der Verstehensprozeß führe genaugenommen
stets zu einem Verstehenszuwachs und sei damit kein zirkuläres Zurückkehren
zu seinem Ausgangspunkt.
Um den Zuwachs an Verständnis im Rahmen der hermeneutischen Spirale zu
forcieren fordert Bolten, die Entscheidung für philologisches oder
literarisches oder wirkungsgeschichtliches Verstehen zugunsten eines
"integrativen Verstehens" aufzuheben.
"Einen Text verstehen heißt demzufolge, Merkmale der 'Textstruktur'
bzw. des '-inhaltes' und der 'Textproduktion' unter Einbeziehung der 'Text-'
und 'Rezeptionsgeschichte' sowie der Reflexion des eigenen 'Interpretationsstandpunktes'
im Sinne eines wechselseitigen Begründungsverhältnisses zu begreifen.
Daß es dabei weder 'falsche' noch 'richtige', sondern allenfalls mehr
oder minder angemessene Interpretationen geben kann, folgt aus der [...] Geschichtlichkeit
der Verstehenskonstituenten und der damit zusammenhängenden Unabschließbarkeit
der hermeneutischen Spirale. [...] Der Spiralbewegung entsprechend, unterliegt
die Interpretation hinsichtlich ihrer Hypothesenbildung diesbezüglich
einem Mechanismus der Selbstkorrektur. Daß dieses Verfahren stets dem
roten Faden eines spezifischen Erkenntnisinteresses folgen und man dementsprechend
bei der Behandlung der Interpretationsaspekte nicht methodenpluralistisch-additiv,
sondern durchaus selektiv vorgehen sollte, versteht sich von selbst."
(S. 362f.)
Jürgen Bolten: Die Hermeneutische Spirale. Überlegungen zu einer
integrativen Literaturtheorie, in: Poetica 17 (1985), H. 3/4.
Quelle: http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/hermeneutik/hzirkel.htm
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10. Hermeneutische Differenz
Quelle: http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/hermeneutik/hermdif.htm
Der Ausdruck 'hermeneutische Differenz'
oder auch 'Distanz' macht auf ein Grundproblem aller sprachlichen Kommunikation
wie auch der reflektierten Interpretation aufmerksam: Das was verstanden bzw.
gedeutet werden soll, ist zunächst fremd, abständig, distanziert,
und muß erst im Verstehens- bzw. Deutungsakt 'angeeignet' werden.
Dabei sind graduelle Unterschiede sehr erheblich: In der eingelebten Alltagskommunikation
wird die hermeneutische Differenz nicht oder nur punktuell, im Falle einer
Störung bewußt. Deshalb ist, wie schon der Philosoph Schleiermacher
bemerkte, bei "Wettergesprächen" in der Regel keine Hermeneutik
nötig (die Differenz gleich Null). Am anderen Extrem ist keine Hermeneutik
möglich, wo die Differenz unendlich wird: etwa bei einer Äußerung
in einer mir völlig unbekannten Sprache. Hermeneutik findet demnach,
einer berühmten Formulierung von Hans-Georg Gadamer folgend, "zwischen
Fremdheit und Vertrautheit" statt: "In diesem Zwischen
ist der wahre Ort der Hermeneutik." (S.279)
In literaturwissenschaftlicher Sicht sind drei verschiedene Varianten oder
Komponenten der hermeneutischen Differenz von besonderem Gewicht. Zunächst
die linguistische Differenz: Verstehen und Auslegung setzten die
Zugehörigkeit zur Sprachgemeinschaft der jeweiligen Äußerung
bzw. die spezifische Sprachkompetenz voraus. Deshalb ist die Übersetzung
von Werken in eine andere Sprache einerseits Voraussetzung der Interpretation,
aber auch selbst schon ein interpretierender Akt.
Sodann die historische Differenz. Sie gerät oft als erste in
den Blick und bringt erhebliche Schwierigkeiten für Textverständnis
und Interpretation dar: Jeder einmal fixierte Text altert unaufhaltsam - die
historische Differenz zwischen ihm und dem (gegenwärtigen) Interpreten
wächst also. Verständnisschwierigkeiten entstehen in sprachlicher
Hinsicht (z.B. veraltete Wörter und Ausdrucksformen, Bedeutungsveränderungen)
wie in sachlicher (z.B. erklärungsbedürftige Fakten, Namen, Zusammenhänge).
Diese Erklärungen bereitzustellen ist traditionell Aufgabe des philologischen
Kommentars.
Schließlich ist, besonders für die literaturwissenschaftliche Hermeneutik,
auch eine poetologisch/rhetorische Differenz zum üblichen Sprachgebrauch
relevant: die Tatsache also, daß besonders (aber nicht nur) dichterische
Texte 'künstliche' Ausdrucksformen, z.B. rhetorische Mitteln benutzen.
Deren Funktion und Bedeutungspotential muß erkennen, wer den Text verstehen
und angemessen interpretieren will.
Vielfach spielen diese Differenz-Komponenten ineinander: So muß etwa
der Text der Bibel aus dem Hebräischen bzw. Griechischen ins Deutsche
übersetzt werden, um dort zur Textgrundlage einer theologischen Hermeneutik
zu werden, die dann auch die inhaltlichen Verstehensprobleme bearbeiten kann
und eine spezifisch protestantische Auslegung ermöglichen. Dabei sind
auch die sprachlichen, peotologischen und rhethorischen Mittel des Textes
zu beachten. So benutzt etwa das biblische Hohe Lied eine ausgeprägte
erotische Metaphorik, die jedoch auf religiöse Sachverhalte verweist
und deshalb angemessen ausgelegt werden muß.
Wilhelm Dilthey glaubte noch, in einem Akt der Einfühlung die hermeneutische
Differenz überspringen und unmittelbares Verstehen gewinnen zu könnnen.
Seit Gadamer hat sich jedoch eine Auffassung durchgesetzt, die den "Abstand
der Zeit als eine positive und produktive Möglichkeit des Verstehens"
nutzbar zu machen und "immer auch [...] die geschichtliche Situation
des Interpreten" zu reflektieren (S.280f.). Die Einsicht in diese
historische Gebundenheit nicht nur des zu verstehenden Textes, sondern auch
des jeweiligen Verstehens selbst öffnet - Gadamer zufolge - die Dimension
der Wirkungsgeschichte.
Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen
Hermeneutik, 3. Aufl. Tübingen 1972.
Quelle: http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/hermeneutik/hermdif.htm
11. Literatur zum Thema
Alexander, Werner: Hermeneutica generalis. Stuttgart 1993.
Apel, Karl-Otto (u.a.): Hermeneutik und Ideologiekritik. Frankfurt am Main
1971.
Betti, Emilio: Die Hermeneutik als allgemeine Methodik der Geisteswissenschaften.
Tübingen 1962.
Birus, Hendrik (Hg.): Hermeneutische Positionen. Schleiermacher, Dilthey,
Heidegger, Gadamer. Göttingen 1982.
Bubner, Rüdiger (u.a.) (Hg.): Hermeneutik und Dialektik. Festschrift
für Hans-Georg Gadamer. Tübingen 1970.
Bühler, Axel (Hg.): Unzeitgemäße Hermeneutik. Verstehen
und Interpretation im Denken der Aufklärung. Frankfurt am Main 1994.
Davidson, Donald: Wahrheit und Interpretation. Frankfurt am Main 1986.
Dilthey, Wilhelm: Die Entstehung der Hermeneutik. In: Ges. Schriften, Bd.
5. Stuttgart (u.a.) 1957.
Droysen, Johann Gustav: Historik. Vorlesungen über Enzyzlopädie
und Methodologie der Geschichte. München 1937.
Gadamer, Hans-Georg: Wahrheit und Methode. Frankfurt am Main 1960.
Gadamer, Hans-Georg / Boehm, Gottfried (Hg.): Seminar: Philosophische Hermeneutik.
Frankfurt am Main 1979.
Grondin, Jean: Einführung in die philosophische Hermeneutik. Darmstadt
2001.
Heidegger, Martin: Sein und Zeit. Halle 1927.
Ineichen, Hans: Philosophische Hermeneutik. Freiburg (u.a.) 1991.
Jung, Matthias: Hermeneutik zur Einführung. Hamburg 2001.
Lenk, Hans: Philosophie und Interpretation. Frankfurt am Main 1993.
Nassen, Ulrich (Hg.): Klassiker der Hermeneutik. Paderborn (u.a.) 1982.
Pöggeler, Otto: Heidegger und die hermeneutische Philosophie. Freiburg
(u.a.) 1983.
Ricoeur, Paul: Zeit und Erzählung. 3 Bde. München 1988-1991.
Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Hermeneutik und Kritik mit besonderer
Beziehung auf das Neue Testament. Berlin 1838.
Scholz, Oliver R.: Verstehen und Rationalität. Untersuchungen zu den
Grundlagen von Hermeneutik und Sprachphilosophie. Frankfurt am Main 22001.
Seiffert, Helmut: Einführung in die Hermeneutik. Die Lehre von der
Interpretation in den Fachwissenschaften. Tübingen 1992.
Vattimo, Gianni: Jenseits der Interpretation. Frankfurt am Main 1997.
up
12. Links zum Thema
http://www.stangl-taller.at/ARBEITSBLAETTER/
http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/hermeneutik/main.html
http://buecherei.philo.at/herm.htm
http://www.capurro.de/forschun.htm#Hermeneutik
http://www.ai.mit.edu/people/jcma/papers/1986-ai-memo-871/tableofcontents3_1.html
http://www.mac.edu/~rpalmer/compendium.html