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deine Mitschriften, sondern lediglich ein Zusatz!
Nachlese 4. Einheit (31.10.02)
Thesen, Themen und Materialien zur vierten Vorlesungseinheit
Universalismus, Partikularismus, Eurozentrismus und Androzentrismus
Vorbemerkung: Die Vorlesungsnachlese weicht teilweise erheblich von der eigentlichen
Vorlesung ab. Sie versteht sich einerseits als Systematisierung der Vorlesungsinhalte,
andererseits als Weiterführung der in der Vorlesung elaborierten Themen
und Thesen.
1. Universalismus
2. Partikularismus und Universalismus
3. Konkrete Partikularismen - Eurozentrismus, Androzentrismus,
Sexismus, Rassismus
4. Sind europäische Geisteswissenschaften eurozentristisch?
Drei exemplarische Kontroversen - Saids Orientalism, Bernals Schwarze Athene
und Amins Eurocentrism
5. Androzentrismus
6. Literaturtipps
1. Universalismus
___ Die Frage von Universalität, universeller Geltung und Universalismus
sind von zentraler Bedeutung nicht nur für die Politikwissenschaft (siehe
ausführlich zum Begriff die Rubrik Begriffe zur Vorlesung). Gleichzeitig
erscheint es zunächst nicht gerade einfach, "sicher" durch
verschiedene Begriffsdefinitionen von "Universalismus" und damit
verbundenen Konzepten hindurchzunavigieren. Verweist der Begriff in soziologischer
Lesart hauptsächlich auf Talcott Parsons und dessen
strukturfunkionalistische Systemtheorie (dort erscheint Universalismus im
Gegensatz zu Partikularismus und bezeichnet die Handlungsorientierung des
Individuums), so ist er in der Volkswirtschaftslehre als Bezeichnung für
eine bestimmte Theorierichtung bekannt, die vom österreichischen Philosoph,
Soziologen, Nationalökonom und erbitterten Gegner Hans Kelsens,
Othmar Spann, begründet wurde, an die katholische Soziallehre
angelehnt war und eine ständische Sicht der Gesellschaft propagierte
(er ist ein gutes Beispiel für die dominante Strömung des politischen
Katholizismus in Österreich bzw. überhaupt für die innerhalb
der katholischen Kirche - und des katholischen Lagers - dominierende konservative
und antimodernistische Strömungen in der ersten Hälfte des 20.Jh)
___ Für die Politikwissenschaft stellt sich das Problem der Unversalität/
des Universalismus - abseits von bestimmten Theoriekonnotationen - in zweifacher
Weise:
A) Universalismus als allgemein wissenschaftstheoretisches- bzw. erkenntnistheoretisches
Problem
Wissenschaft beruht grundsätzlich auf einen universellen Geltungsanspruch.
Das heißt, wissenschaftliche Aussagen heben sich von bloßen Meinungen
ab, indem sie nicht nur "heute" und "hier" verständlich,
nachvollziehbar und im Idealfall gültig sind, sondern dies auch morgen
noch tun. Es ist also damit auch ein gewisser "Wahrheitsanspruch"
verbunden. "Universelle Geltung" kann dabei verschiedenes bedeuten:
- Universelle Geltung einer Theorie/ einer konkreten Aussage:
- Die Aussage "Die Kernfamilie, bestehend aus Mann, Frau und Kind(ern)
ist die kleinste und die fundamentalste soziale Einheit" (ähnliche
Aussagen in bezug auf Familie - allerdings nicht die "Kernfamilie"
- tätigten etwa Aristoteles und Jean Bodin) kann leicht als ideologisch
bzw. historisch bedingt dechiffriert werden, man/frau braucht nur an die historisch
unterschiedlichen Bedeutungen von "Familie", die verschiedenen Kontexte,
in denen Familie vorkommt (als Produktions- und Reproduktionseinheit in der
Antike, reduziert auf die Reproduktionsfunktion in der Moderne...) zu denken.
Zum zweiten ist die Aussage eine Definition, die zwar mehr oder weniger begründet
bzw. plausibel, aber im Grunde nie falsch sein kann, weil sie zum dritten
ein normatives Element enthält (d.h. man/frau kann die Aussage auch so
lesen: es soll so sein, dass die Familie die kleinste und fundamentalste soziale
Einheit darstellt).
- Seriöse wissenschaftliche Aussagen müssen daher immer die Bedingungen
angeben, unter denen eine Aussage zutrifft und welcher Art die Aussage ist
(ob sie analytischer oder normativer Natur ist, ob Kausalverhältnisse
behauptet werden oder nur wahrscheinliche Zusammenhänge usw.). In diesem
Sinn wird es nur auf einer sehr abstrakten Ebene sozialwissenschaftliche Theorien
geben können, die auf jede Gesellschaft, unabhängig vom spezifischen
Kontext anwendbar sind. Die Beobachtung, dass Menschen in direkter Kommunikation
sich nicht nur sprachlich (linguistisch) untereinander verständigen,
sondern auch mit ihren Körpern "sprechen" (Körpersprache)
kann als solch eine universell gültige Behauptung angesehen werden. Welche
Zeichen wie verwendet werden, ist dann freilich je nach kulturellem Kontext
verschieden.
- Universell i.S. von nachprüfbar: Wenn auch nicht jede wissenschaftliche
Aussage universell gilt (weil nicht alles beliebig verallgemeinerbar ist -
wissenschaftliche Aussagen treffen meistens nur auf eine bestimmte und beschränkte
Anzahl von Dingen/ Phänomenen zu), so ist doch auch bei Aussagen über
etwas "Besonderes", über "partikulare" Verhältnisse
immer der Anspruch damit verbunden, dass die getroffenen Aussagen zumindest
nachvollziehbar sind, weil die innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft
(Scientific Community) anerkannten Regeln und Methoden angewendet
worden sind.
B) Universalismus als Problem praktischer Politik:
- Dabei geht es darum, ob "Handlungsregeln für Politik" (=
Normen, moralische Grundsätze...) verallgemeinerbar sind, also den Anspruch
auf universelle Gültigkeit erheben können oder nicht. Das dahinterstehende
Problem ist recht alt und immer wieder haben Philosophen versucht, die Verallgemeinerbarkeit
moralischer Grundsätze aus der "Natur" des Menschen bzw. aus
der Vernünftigkeit der zu Debatte stehenden Grundsätze abzuleiten
- zu den einflussreichsten Begründungsversuchen zählt derjenige
von Immanuel Kant ("Kategorische Imperativ", ausgeführt
in Metaphysik der Sitten), der sogenannte Utilitarismus (als Begründer
gilt John Stuart Mill) und in neuerer Zeit John Rawls
(mit einer vertragstheoretischen Begründung) und Jürgen
Habermas (der eine "diskurstheoretische" Begründung
entwickelt hat).
- In der sogenannten Kommunitarismusdebatte, die besonders
in den Achtziger Jahren des 20.Jh. geführt wurde, kritisierten die sogenannten
"Kommunitaristen" die von liberalen Theoretikern vorgeschlagenen
Begründungsversuche als zu abstrakt und außerdem fehlgeleitet:
Moral sei nicht etwas, das mit Hilfe rationaler Methoden "gefunden"
oder "erfunden" werden könne und ausnahmslos für alle
gelte, sondern immer die Moralvorstellungen einer konkreten Gesellschaft bzw.
Gemeinschaft (engl. community - deshalb Communitarians, bzw. dt.
Kommunitaristen). Eine mit rationalen Methoden gefundene Moral könne
zudem selbst schwer über abstrakte Regeln hinausgehen. Dagegen verfügen
konkrete Gesellschaften über ein dichtes Netz an moralischen Handlungsregeln,
die den Ausgangspunkt für ethisch-normative Debatten darstellen sollten.
Tatsächlich waren die Fronten weniger klar, als es hier in der gerafften
Darstellung erscheinen mag. John Rawls etwa, der 1971 eine Theorie der Gerechtigkeit
vorgelegt hatte und sie mit einer fiktiven Gesellschaftsvertragssituation
theoretisch zu begründen suchte, gestand in späteren Schriften durchaus
ein, dass seine Annahmen durchaus nicht so abstrakt waren, wie von ihm suggeriert,
sondern seine Theorie sowie die Begründung (natürlich) auf liberaldemokratische
Gesellschaften zugeschnitten waren, also in gewisser Weise auch aus diesen
Gesellschaften bzw. noch konkreter, aus dem Kontext des amerikanischen "Linksliberalismus"
kommt.
- Ein besonderer Fall des Geltungsanspruches universeller Normen stellen die
Menschenrechte dar. Einerseits haben sie eindeutig ihren
Ursprung in der westlichen Moderne. Ihr Ursprung kann bis in die christliche
Naturrechtslehre zurückverfolgt werden.
In der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" der Vereinten
Nationen von 1948 findet sich die heute wohl bekannteste Kodifizierung von
Menschenrechten . Diese hatte ihre Vorläufer wiederum in der Virginia
Bill of Rights von 1776 und der französische Déclaration
des Droits de l'homme et du citoyen von 1789.
Andererseits waren die Menschrechte seit jeher mit einem universellen Geltungsanspruch
verbunden (d.h. sie beanspruchen Gültigkeit für alle Menschen),
auch wenn über weite Strecken der Geschichte große Teile der Bevölkerung
bzw. der Menschheit nicht als Menschenrechtssubjekte wahrgenommen wurden (z.b.
Afro-AmerikanerInnen, Indigene Völker, Kolonisierte). Nach dem zweiten
Weltkrieg wurden sie in der Form von Deklarationen kodifiziert (wie der angesprochene
Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen; darüber hinaus
gibt es auch entsprechende Erklärung von Regionalorganisationen wie der
Organisation für Afrikanische Einheit, OAU und anderen). Teilweise erlangten
die Menschenrechte auch bindenden Charakter (z.B. in der Europäische
Menschenrechtskonvention, EMRK). Sowohl die Existenz unverbindlicher Erklärung
als auch verbindlicher Rechtsinstrumente auf internationaler Ebene ist ein
starker Ausdruck dafür, dass die in diesen Dokumenten vorfindbare Minimalversion
von Menschenrechten auf der internationalen Ebene als allgemein gültig,
als universell akzeptiert wird, wenn auch mit gewissen Einschränkungen.
Dennoch kommen von verschiedenen Seiten z.T. durchaus begründete Einwände
eben gegen diesen universellen Geltungsanspruch. Sehr oft aber werden Einwände
gegen Menschrechte aus einem politischen Kalkül heraus erhoben
(wenn zum Beispiel Regime keine Demokratisierung zulassen wollen oder von
Folter und willkürlichen Verhaftungen nicht absehen wollen; dies geschieht
häufig unter der Berufung auf sogenannte "asiatische Werte"
oder "afrikanische Traditionen", um nur zwei gängige Beispiele
zu nennen). Umgekehrt werden diverse politische Handlungen auch mit dem Verweis
auf Menschenrechte legitimiert (z.B. sogenannte "humanitären Interventionen"
oder Handelsembargos gegen bestimmte Staaten - z.B. jenes der USA gegen Kuba)
up
2. Partikularismus und Universalismus
- Der Wortbedeutung nach bedeutet "partikular" "einen Teil
betreffend" und ein Partikularist demnach jemand, der sich auf ein Teil
von etwas konzentriert, sich darum sorgt.
- Nach Talcott Parsons ist Partikularismus eine Wertorientierung,
bei der sich das Individuum nicht - um es tautologisch zu formulieren -an
universellen Werten (z.B- Menschenrechte, öffentliches Wohl....) orientiert,
sondern eben an partikularen Werten, d.h. an den Werten seines konkreten Lebensumfeldes
(z.B. das Wohl der konkreten Gemeinschaft, der Familie, Freunde....).
- Auch in der Frage der Universalität wissenschaftlicher bzw. der universellen
Geltung normativer Aussagen (= ethisch/moralische Handlungsregeln) sind immer
beide Pole - das Universelle und das Partikulare präsent.
Man kann sich das Verhältnis zwischen Universalismus und Partikularismen
(um ganz abstrakt zu bleiben) vielleicht mit folgender Graphik vorstellen:
<U> ist eine Theorie oder Aussage mit universellem Geltungsanspruch,
die sich auf jeweils partikulare (besondere) Bedeutungen bzw. Kontexte bezieht.
Die einzelnen partikularen Elemente verbindet, dass die universelle Aussage/
Theorie einen gewissen Teil ihrer "Beschaffenheit" Ausdruck verleiht.
In Hinsicht auf den Inhalt des Universalismus entsprechen sie sich. Es mag
aber Elemente geben, die mit der universellen Aussage überhaupt nicht
zu verbinden sind, weil sie z.B. außerhalb des Gegenstandes einer bestimmten,
als universell angesehenen Satzes liegen (in der Graphik: Nicht-C).
Gleichzeitig ist das Einzelne immer mehr als das Ganze, weil es zusätzlich
über besondere Eigenschaften verfügt, die in der universellen Aussage
nicht berücksichtigt werden (In der Graphik: die einzelnen Elemente A,
B, C... sind immer noch nicht gleichbedeutend mit U - der universellen Aussage).
Der Satz "Alle Menschen sind gleich" ist ein Paradebeispiel für
dieses vertrackte Verhältnis von Partikularem und Universellem. Es kann
leicht gezeigt werden, dass jeder Mensch verschieden von seinem Mitmenschen
ist, aber das wird gemeinhin nicht als Widerspruch zu dem (normativen) Satz
verstanden. Am breitesten akzeptiert ist der Satz in der Form "Alle Menschen
(meistens: BürgerInnen) sind vor dem Gesetz gleich", in dem Sinn,
dass jede(r) BürgerIn prinzipiell die selben Rechte besitzt und in selber
Weise Zugang zu Gerichten usw. hat. Auch hier kann gezeigt werden, dass der
Zugang einzelner BürgerInnen zum Rechtssystem u.a. von seinem/ihrem sozialen
Status/ der Ausbildung usw. abhängt, dass also Menschen auch in diesem
eingeschränkten Sinn nicht völlig gleich sind. Der allgemeine Satz
schaut also je nach Perspektive unterschiedlich aus, auch wenn immer noch
ein gewisser universeller Gehalt bleibt, der zumindest erahnbar und daher
auch immer wieder neu einforderbar ist (z.B. indem eine Reform des Rechtssystems
gefordert wird, die den Zugang zu Rechtsmitteln für benachteiligte Gruppen
erleichtert).
- Eine andere Dimension von Partikularismus gründet in der Feststellung,
dass universelle Gesichtspunkte daran kranken, immer nur gewisse Aspekte zu
betonen, mithin ungerechtfertigter Weise überzubetonen. Jede/r hat seine
je eigene Lesart des Politischen und Kulturellen, die auch seine/ ihre Identität
ausmachen: man/frau besitzt nicht nur eine, sondern komplexe, "multiple"
Identitäten (z.B. geschlechtliche Identität, berufliche Identität,
politische Identität, nationale Identität usw.). Der amerikanische
Philosoph Michael Walzer beschreibt das in seinem Buch "Zivile Gesellschaft
und amerikanische Demokratie" (Berlin 1982) so:
"Wenn ich mich sicher fühlen kann, werde ich eine komplexere
Identität erwerben [...]. Ich werde mich selbst mit mehr als einer Gruppe
identifizieren; ich werde Amerikaner, Jude, Ostküstenbewohner, Intellektueller
und Professor sein. Man stelle sich eine ähnliche Vervielfältigung
der Identitäten überall auf der Welt vor, und die Erde beginnt,
wie ein weniger gefährlicher Ort auszusehen. Wenn sich die Identitäten
vervielfältigen, teilen sich die Leidenschaften" (p.136.)

- Der Gegensatz Universalismus/ Partikularismus ist durchaus nicht wertneutral, vielmehr ist er ideologisch belastet und tritt häufig in Verbund mit ähnlich konstruierten Gegensätzen auf, v.a. wenn es darum geht, ein idealisiertes Bild "des Westens" zu zeichnen:

Eine bekannte Neuauflage solcher kategorischer Zuschreibungen vertritt der
amerikanische Politikwissenschaftler und -berater Samuel P. Huntington
in seinem 1993 erstmals publizierten Werk "Kampf der Kulturen".
Die so getroffenen Zuschreibungen sind im einzelnen durchaus nicht erst neueren
Datums, sondern haben ihrerseits eine lange ideengeschichtliche Tradition.
Die Sichtweise, dass etwa Despotismus die Herrschaftsform der "Anderen"
ist, kann bis in die griechische Antike zurückverfolgt werden.
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3. Konkrete Partikularismen - Eurozentrismus, Androzentrismus, Sexismus,
Rassismus
- Unter Partikularismus werden auch solche Denkrichtungen/ Verhaltensmuster
gefasst, die das Eigene über "das" Andere stellen, also die
eigene, meist eindimensional verstandene Identität (Geschlecht, Nation,
ethnische Gruppe, "Rasse" usw.) über alles andere Stellen.
Partikularismen müssen allerdings nicht manifest auftreten (wie im Rassismus,
der offen andere als minderwertig sieht oder im Sexismus, wo Frauen offen
Beleidigungen oder Diskriminierung ausgesetzt sind). Partikularismen können
auch den Mantel des Universalismus tragen (z.B. Androzentrismus: darunter
wird eine Perspektive verstanden, in der Frauen nicht aufscheinen, gleich
ob dies bewusst oder unbewusst geschieht; selbiges gilt für den Eurozentrismus,
der eine europäische Perspektive "selbstverständlich"
als universell annimmt; in allgemeiner Form wird das Phänomen "Ethnozentrismus"
genannt, der keineswegs auf europäische Gesellschaften beschränkt
ist).
Manifest: Sexismus, Rassismus
Latent: Androzentrismus, Ethnozentrismus, Eurozentrismus
- Alle genannten Partikularismen haben ihre eigene Geschichte und stehen
im Zusammenhang mit konkreten gesellschaftlichen Entwicklungen, so ist etwa
die Ethnisierung von Ungleichheit in der Form von Xenophobie oder Ungleichheit
ein modernen Gesellschaften eigener Zug, selbst wenn gewisse Ethnisierungstendenzen
schon früher feststellbar war - z.B. in bezug auf Sklaven in den Mittelmeerländern
des Hochmittelalters (Vgl. zur Geschichte und dem Stellenwert von Sexismus,
Rassismus etc. die eigenen Vorlesungsmitschriften).
up
4. Sind europäische Geisteswissenschaften eurozentristisch? Drei
exemplarische Kontroversen - Saids Orientalism, Bernals Schwarze
Athene und Amins Eurocentrism
(Literaturangaben sind unter der Rubrik Literaturtipps zu finden)
__Edward Said, Orientalismus: Eine Korrektur imperialistischen
Denkens und Handelns versuchte der Literaturwissenschaftler Edward W. SAID
in seinem Buch Orientalism von 1978. Seine These: Es gebe im westlichen
Denken die ungebrochene Tradition einer tief sitzenden Feindseligkeit
gegenüber dem Islam. Diese Einstellung, und nicht bloß die
akademische Disziplin der Orientstudien, bezeichnet SAID als "Orientalismus".
Orientalismus wird als ein westlicher Diskurs gedeutet, in dem der
"aufgeklärte" Westen den "mysteriösen Orient"
verhandelt und auch beherrscht. Das Überlegenheitsgefühl gegenüber
dem Orient, so SAID, sei immer noch Teil der modernen politischen wie intellektuellen
Kultur unserer Gegenwart. Seine Analyse richtete sich gegen ein pauschales
Feindbild "des" Westens.
In seiner großen Orientalismus-Studie definiert Edward W. SAID Orientalismus als einen Ausdruck westlicher Herrschaft über eroberte Gebiete. Er stützt sich dabei auf das Diskurskonzept von Michel FOUCAULT, indem er behauptet, der "orientalistische Diskurs" lasse keine andere Art des Denkens zu als die vom Orientalismus vorgegebene.
"Mit dem späten 18. Jahrhundert als ziemlich grob definiertem
Ausgangspunkt kann der Orientalismus als die korporative Institution für
die Beziehung zum Orient begriffen und analysiert werden - durch Aussagen,
die über ihn getroffen werden, und autorisierte Ansichten über ihn,
die ihn beschreiben, über ihn unterrichten, ihn feststellen und über
ihn regieren. Kurz, der Orientalismus ist ein westlicher Stil der Herrschaft,
Umstrukturierung und des Autoritätsbesitzes über den Orient. Ich
sah es als nützlich an, hier Michel Foucaults Begriff eines Diskurses
anzuwenden, wie er von ihm in 'Die Archäologie des Wissens' und in 'Überwachen
und Strafen' geprägt wurde, um den Orientalismus zu identifizieren. Es
ist für mich entscheidend, daß man, ohne den Orientalismus als
einen Diskurs zu überprüfen, unmöglich verstehen kann, durch
welche enorme systematische Disziplin die europäische Kultur fähig
war, den Orient politisch, soziologisch, militärisch, ideologisch, wissenschaftlich
und imaginativ während der Zeit nach der Aufklärung zu leiten -
und selbst zu produzieren. Darüber hinaus war dem Orientalismus eine
so autoritäre Position zu eigen, daß ich glaube, daß niemand,
der über den Orient schrieb, über ihn nachdachte oder für ich
handelte, dies tun konnte, ohne auf die Grenzen von Denken und Handeln Rücksicht
zu nehmen, die durch den Orientalismus gegeben waren. Kurz gesagt, der Orient
war kein (und ist kein) freies Objekt des Denkens und Handelns; dies wurde
durch den Orientalismus verhindert." (Edward W. Said, Orientalismus.
Frankfurt/M.-Berlin-Wien 1981, 10, engl. Orig. 1978)
- In den knapp 25 Jahren seit dem erstmaligen Erscheinen des Buches hat die
Studie zahlreiche kritische Einwände provoziert und provoziert sie noch
heute. So wurde etwa angemerkt, dass Said die Rolle arabischer, indischer
und anderer "orientalischer" Intellektueller an der Entstehung der
Orientalistik bzw. "des Orientalismus" verkennt, genauso wie er
den veränderten Charakter und Stellenwert moderner Orientwissenschaften
nicht behandelt und somit suggeriert, diese würden nach wie vor "orientale"
Gesellschaften ein Weltbild (eine Sicht der Gesellschaft) aufoktroyieren,
die nicht deren eigenem (authentischen) Weltbild entspreche. Tatsächlich
müsste man/frau auch eher von Orientalismen, denn von einem monolitisch
gedachten und absolut gesetzten Orientalismus sprechen. In gewisser
Weise überbetont Said den Gegensatz zwischen Fremd- und Selbstsicht des
"Orients" und stellt letzteren als passives Opfer westlicher Diskurse
dar. Das Buch hat also durchaus eine polemische Stoßrichtung, die es
allerdings auch zu einer sehr erfrischenden Lektüre macht.
- Eine damit verbundene Frage ist jene, wie "europäisch" bzw.
umgekehrt, wie "orientalisch" eigentlich Europa ist. Die Bedeutung,
die arabische Gelehrte wie Avicenna oder Averroes
für die Entwicklung der Wissenschaften im Hochmittelalter hatten (Überlieferung
aristotelischer Schriften, Mathematik, Philosophie, Geographie....) ist mittlerweile
weitgehend anerkannt. Aber selbst in der Phase der europäischen Expansion
war die Beziehung Europas zum Orient nie eine "Einbahnstraße"
und umfasste materielle Aspekte genauso wie "geistige" und kulturelle.
So hatte etwa die Einfuhr von neuen Konsumgütern wie Tee, Kaffee, Seide
und andere Textilien sowie von Gewürzen einen wesentlichen Anteil an
der Veränderung von Konsumgewohnheiten in Europa und einen großen
Einfluss auf die Entstehung neuer Industrien; Wesentliche "Moden"
in Kunst und Kultur waren von östlichen Kulturen beeinflusst. (Vgl.:
J.Nederveen Pieterse, 1994,"Unpacking the West: How European is Europe?",
in Racism, Modernity and Identity. On the Western Front. Hsg. Ali
Rattansi, Sallie Westwood, Polity Press, Cambridge, Oxford pp.129-149).
- Ein bemerkenswerter arabischer Gelehrte, der in seiner "soziologischen"
Methode und Denken äußerst modern erscheint, ist Ibn Khaldun, im
vollen Namen Abu Zaid Abd ar-Rahman ibn Muhammed ibn Khaldun Wali ad-Din at-Tunisi
al Hadrami al-Ishbili al-Maliki (1332-1406). In seiner "Muqaddima"
(Buch der Beispiele) entwickelt er eine Zivilisationstheorie, in
der der Gegensatz zwischen nomadischen/ländlichen und sesshaftem/städtischen
Leben eine prominente Rolle spielt und wo er auch ausführlich auf antike
und andere Denker eingeht. In der Tradition der arabischen Geschichtsschreibung
nimmt er einen besonderen Platz ein. Allerdings wurde er außerhalb dieser
weitgehend vergessen (außer im Kontext des osmanischen Reichs, das seine
Zivilisationstheorie für das eigene imperiale Projekt gut gebrauchen
konnte). Erst im 19.Jh., in der Phase der Herausbildung eines arabischen "Protonationalismus"
wurde das Buch der Beispiele wieder breiter rezipiert und als Beispiel für
den "hohen Entwicklungsstand" arabischen Gelehrtentums und mögliche
Quelle "arabischer Erneuerung" wiederaufgegriffen (in deutscher
Übersetzung liegt der erste (theoretische) Band des mehrbändigen
Werkes vor: Ibn Khaldung, (1992): Buch der Beispiele, Reclam Leipzig:
Leipzig)
__Martin Bernal, Black Athena/ Schwarze Athene: 1987 veröffentlichte
der britische, in den USA lehrende Historiker Martin BERNAL (auf dem Gebiet
der Altertumsforschung ein Novize) den ersten und 1991 den zweiten Band seines
mehrbändig angelegten Werkes zum Einfluss der alten Hochkulturen Ägyptens
und Phöniziens auf das antike Griechenland und der seiner Ansicht nach
massiven Geschichtsfälschung in der westlichen Historiographie im 19.
und 20. Jahrhundert, durch die die bis dahin unbestrittene bedeutende, ja
führende Rolle dieser Hochkulturen für die Entwicklung der westlichen
Kulturen aus dem kulturellen Gedächtnis der westlichen Welt eliminiert
worden sei - als Ergebnis und aber auch als ein fundierender Baustein der
vorherrschenden imperialistischen und rassistischen Ideologie des Westens,
zu der vor allem auch die deutsche Geschichtsschreibung entscheidend beigetragen
habe.
BERNALs provokante Thesen versetzten die Fachwelt vor allem in den USA in
hellen Aufruhr und sind seitdem Gegenstand heftiger Kontroversen zwischen
dem althistorischen, weitgehend "weißen", akademischen Establishment
einerseits und vor allem afroamerikanischen Historikern und Politikern andererseits.
Dabei geht es vor allem um folgende Fragen:
- Welchen Einfluß hatten die beiden älteren Hochkulturen, die
ägyptisch-afrikanische und die phönizische, auf die Herausbildung
der griechischen Antike?
- Waren sie die Mutterkulturen Griechenlands und damit die afro-asiatischen
Wurzeln der europäischen Kultur?
- Ist das alte Ägypten eine genuin (schwarz-)afrikanische Kultur?
- Gab es einen Trend zu mythischer Überhöhung des antiken Griechenlands
und zu Abwertung Ägyptens/Afrikas in der europäischen Neuzeit, und
wenn ja, warum?
- Wie steht es um den Ideologiecharakter der Geschichtswissenschaften in verschiedenen
Epochen, also auch heute? Gibt es eine Berechtigung für "(kultur-)
relative" Geschichte?
- Welche Bedeutung hat Geschichte für die Identitätsbildung von
Individuen und Gruppen?
Die Thesen sind eigentlich nicht neu, sondern werden in der afrikanischen
und afroamerikanischen Fachliteratur schon seit langem der "imperialen"
bzw. "weißen" Geschichtsschreibung entgegengesetzt und haben
auch längst Eingang in schulische und universitäre Curricula gefunden
("Black Studies"). In den fünfziger Jahren etwa schrieb der
Senegalese Cheik Anta Diop ein Buch, das in ähnlicher Weise (Schwarz-)
Afrika als die Quelle aller Zivilisation (er bezog sich insbesondere auf die
ägyptische) darstellte. Sein 1954 veröffentlichtes Werk "Nations
Nègres et Culture. De l'Antiquité Négre Égyptienne
aux Problèmes Culturels de l'Afrique Noir d'Aujourd'hui" wollte
er eigentlich als Dissertation an der Sorbonne (wo er studierte) einreichen,
sie wurde aber mehrmals (mit gutem Recht) zurückgewiesen. Es ist allerdings
interessant, dass sich die etablierte Fachwelt erst mit BERNALs Veröffentlichungen
herausgefordert sah.
Auch Bernals Buch wurde nach Strich und Faden auseinandergenommen und praktisch
jede einzelne darin getätigte Behauptungen mit ziemlich eindeutigen Fakten
widerlegt (vgl. die Textsammlung, die von Mary Lefkowitz und Guy McLean Rogers
unter dem Titel "Black Athena Revisited", University of North Carolina
Press, 1996, herausgegeben wurde). Der "Wert" des Buches liegt zum
einen darin, dass er eine intensive Debatte über die "Ursprünge"
der griechischen Zivilisation ausgelöst hatte, in der z.B. die bislang
unterbeleuchtete Rolle des vorderen Orients (Palästina, Persien....)
für die Entwicklung Griechenlands herausgestrichen wurde. Zum anderen
hat es die Debatte über die Universalität von Wissenschaften neu
aufgeworfen, d.h. es wirft gerade auch auf einer Metaebene interessante Fragen
auf (v.a. in bezug auf Identitätspolitik und der Universalität wissenschaftlicher
Methoden).
Gleichzeitig ist das Denken in Ursprüngen und Genealogien, bezogen auf
ganze Kulturen, selbst in gewisser Weise rassistisch, nämlich insofern,
als dass es davon ausgeht, dass Kultur unweigerlich am Menschen "hafte"
und über Wanderungen von Völkern andernorts durch "Vermischung"
oder Eroberung verbreitet werde. Nur so können eindeutige Ursprünge
festgemacht werden. In dieser Denkungsart wird die eigenständige Entwicklung
komplexer Kulturtechnologien an verschiedenen Orten als unplausibel von vornherein
ausgeschlossen oder gar nicht einmal bedacht. In der Ethnologie ist diese
Sichtweise, die insbesondere in der zweiten Hälfte des 19.Jh. und der
ersten Hälfte des 20.Jh. Furore machte, als "Diffusionismus"
bekannt.
Ein fundamentaler Kritikpunkt besteht darin, dass sich die Beschäftigung
mit der Frage, welchen Ursprungs die eine oder andere "Hochkultur"
ist, den zugrundeliegenden Begriffsraster und die Gegenübersetzung von
Hochkulturen mit einer Geschichte, die es Wert ist, erforscht und erinnert
zu werden vs. Primitiven/ geschichtslosen Kulturen fraglos übernimmt
und insofern hochgradig problematisch ist.
__ Samir Amin, Eurozentrismus: Überaus interessant ist
es auch, Samir AMINs Buch "Eurocentrism" (1988) zu lesen. Samir
AMIN gehört zu den bedeutendsten und einflussreichsten Intellektuellen
der Dritten Welt. Das zentrale Credo seiner wissenschaftlichen Arbeiten ist
die Forderung nach "autozentrierter Entwicklung" der Länder
der Dritten Welt ("Abkoppelung" als Entwicklungsoption).
- AMIN ist ein ägyptischer marxistischer Intellektueller (geb. 1931 in
Kairo, Vater Ägypter/ Mutter Französin), der seine Studien (Politikwissenschaft,
Ökonomie und Statistik) zwischen 1947 und 1957 in Paris absolvierte.
Er wurde in dieser Zeit Mitglied der KPF und war in die intellektuellen und
politischen Auseinandersetzungen der Linken seiner Zeit involviert.
- Eurozentrismus versteht AMIN als ein "kulturalistisches" Phänomen,
zumal er die Existenz kultureller Unterschiede annimmt, die verschiedene Entwicklungswege
hervorgebracht haben (VII). Eurozentrismus erscheint AMIN aber "anti-universalistisch",
weil er nicht nach allgemeinen Gesetzen menschlicher Entwicklung sucht. Er
präsentiert sich jedoch als "universalistisch", weil er weltweite
Imitation des rationalistischen, humanistischen, christlichen "westlichen"
Entwicklungsmodells beansprucht. Der Westen wird zum Ideal stilisiert, "der
Orient" gilt fortan als das "Andere", das "Fremde".
"Der Orient" verkörpert das analoge Konstrukt (90). Die Schöpfer
der "westlichen Kultur" sind auch als Erfinder des "Orientalismus",
als ideologische Konstruktion eines mythischen "Orients", zu identifizieren
(92f.). Die "orientalischen" Wurzeln des christlichen Westens werden
bewusst ausgeblendet.
- Eurozentrismus erscheint AMIN keinesfalls als banaler Ethnozentrismus. Eurozentrismus
ist ein Phänomen der Moderne, dessen Wurzeln zwar in die Renaissance
und die Ära der Aufklärung zurückgehen, jedoch erst im 19.
Jahrhundert wirklich zu sprießen begannen. Eurozentrismus ist Teil des
ideologischen Konstrukts "Kapitalismus" (IX).
- AMINs Kritik am westlichen Ethnozentrismus, einschließlich eurozentristischer
Varianten des Marxismus, ist nicht von einem relativierenden Diskurs kultureller
"Differenz" her geschrieben. AMINs Kritik des eurozentrischen Marxismus
zielt nicht gegen dessen (unerfülltes) Streben nach Universalität,
sondern geht eher davon aus, dass dieser Marxismus nicht universal genug ist.
Amin sucht einen "Weg, die universalistische Dimension des historischen
Materialismus zu stärken".
up
5. Androzentrismus
Dieser Begriff wurde von Charlotte PERKINS GILMAN in ihrem Buch "The
Man-Made World or Our Androcentric Culture" 1911 geprägt. Männliche
Lebensmuster und Denksysteme erheben einen Universalanspruch.
Ganz allgemein versteht man darunter eine (männliche) Sichtweise, die
Männer als Zentrum und Maßstab bzw. Norm nimmt; Androzentrismus
ist die gesellschaftliche Fixiertheit auf den mann bzw. das "männliche
Prinzip". Eine androzentristische Perspektive charakterisiert Frauen
und deren Lebenszusammenhänge als "minderwertig" und deviant.
Androzentrismus in der Wissenschaft zeigt sich in theoretischen Konzepten
oder empirischen Forschungen.
"Frauen können nicht logisch denken". "Frauen gehören
nach Hause an den Herd". Das ist "Sexismus". Sexismus ist dumm,
ärgerlich und lästig. Aber es ist nicht der offene Sexismus einzelner
Männer, der Frauen daran hindert, gleichberechtigt am ökonomischen,
politischen, kulturellen Leben teilzunehmen. Als viel schwerwiegender erweist
sich etwas anderes, was dem gesamten System innewohnt: Androzentrismus. Während
Sexismus offen die Minderwertigkeit von Frauen ("Frauen können nicht
logisch denken") und die Rechtmäßigkeit von Rollenstereotypen
("Kinder, Küche, Kirche") propagiert, kommt der Androzentrismus
unauffällig daher und setzt stillschweigend Mensch und Mann gleich. Frausein
ist "das Andere". Man nimmt einfach an, daß die männliche
Sicht der Welt die allgemeine und für alle gültige sei.
"Androzentrismus" nennen wir die Wahrnehmung allen Lebens von einem
männlichen Standpunkt aus - mit der daraus folgenden Unfähigkeit,
das Leben von Frauen richtig beschreiben oder auch überhaupt wahrnehmen
zu können. Androzentrismus bedeutet auch: Der Normalfall ist männlich,
weiblich ist Zusatzeigenschaft, Sonderfall, Ausnahme. Die Gleichsetzung von
Mensch und Mann geschieht weitgehend unterbewußt. Deshalb ist Androzentrismus
weit weniger leicht als der offene Sexismus zu erkennen und diese Sichtweise
ist vielfach auch von Frauen selbst verinnerlicht.
Der Begriff "Androzentrismus" stammt aus der Wissenschaftskritik.
In den 80er Jahren erforschten Wissenschaftlerinnen nicht mehr nur einzelne
Themen aus feministischer Sicht, sondern begannen, die Institution Wissenschaft
selbst kritisch zu untersuchen. Eine von ihnen war Evelyn Fox Keller. Sie
ist u.a. durch ihre Arbeit über die Genetikerin und spätere Medizin-Nobelpreisträgerin
Barbara McClintock bekannt geworden.
Evelyn Fox Keller kritisiert den herrschenden Wissenschaftsbetrieb auf vier
Ebenen:
- Weitgehende Abwesenheit von Frauen in den Wissenschaften (später Zugang
zu den Universitäten und zum Wissenschaftsbetrieb)
- Androzentrismus führt zu Einseitigkeiten in der Auswahl und Definition
der Probleme. Wissenschaft ist nicht wirklich universell.
- Bei wissenschaftlichen Experimenten wird mit einseitig gewählten Faktoren
gearbeitet.
- Fundamentale Wissenschaftskritik: die Voraussetzungen der Wissenschaft selbst
werden in Frage gestellt: Objektivität und Rationalität. Auch in
den grundlegenden Prinzipien der Wissenschaft sind männliche Voreingenommenheiten
enthalten.
Auch die feministische Wissenschaftskritik ist in gewisser Weise polemisch,
indem es nämlich (zumindest heute) nicht (mehr) darum geht, eine feministische
Wissenschaft (also etwas völlig neues und anderes) zu gründen, sondern
eine gewisse Perspektive einzufordern und die Perspektivität bisheriger
Sozialwissenschaften aufzuzeigen. Feminismus verbindet mit anderen kritischen
Strömungen (Afrozentrismus, Orientalismus-/Eurozentrismuskritik), dass
aufgezeigt wird, dass viele Theorien und Analysen den eigenen Universalitäts-
und Neutralitätsanspruch bei weitem nicht einlösen. Was gefordert
wird, ist in gewisser Weise (wie bei Samir Amin) ein mehr an Universalität.
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6. Literaturtipps
a. Besprochene Literatur:
Edward Said (1978): Orientalism, New York: Vintage Books;
dt. (1995): Orientalismus. Frankfurt/M: Fischer (dt. Originalausgabe von 1981
bei Ullstein ist vergriffen)
Da keine der Wiener Universitätsbibliotheken über eine deutsche
Ausgabe von Saids "Orientalismus" verfügt, sei auf einen kurzen
deutschsprachigen Artikel verwiesen, der den Zusammenhang zwischen kolonialen
Interesse, europäischer Politik und den verschiedenen Konjunkturen in
der deutschsprachigen Orientalistik (i.S. der wissenschaftlichen Disziplin)
behandelt. Said selbst behandelt in seinem Buch lediglich den französischen
und den englischen "Orientalismus" - aus pragmatischen Gründen
(Notwendigkeit der Beschränkung), aber auch aus einer erkenntnistheoretischen
Position heraus: Der französische und britische Orientalismus sei, anders
als der deutsche, den Said für primär philologisch motiviert hält
ein Resultat/ Ausdruck direkter imperialer Interessen und realer Machtbeziehungen,
könne also viel offensichtlicher als Ausdruck eines Macht-Diskurses im
Foucault'schen Sinn gelesen werden. Der deutsche Afrikawissenschaftler, Orientalist
und Islamwissenschaftler Roman Loimeier zeigt in seinem Artikel
"Edward Said und der deutschsprachige Orientalismus" (erschienen
in "Stichproben. Zeitschrift für kritische Afrikastudien 2/2001,
pp.63-85 - erhältlich am Institut für Afrikanistik der Universität
Wien, AAKH/ Campus, Hof 5), dass Saids Position diesbezüglich korrigiert
werden müsse - auch die deutschsprachige Orientalistik stand durchaus
im Dienste kolonialer Interessen und trug wesentlich zur akademischen Disziplin,
aber auch zum westlichen Orientbild überhaupt bei. Loimeier untersucht
überdies die zunehmende Ausblendung des afrikanischen und süd-/südostasiatischen
Islam, die er in den Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg und den politischen
Erfordernissen der Allianz der Mittelmächte (Deutschland, Österreich-Ungarn,
Bulgarien und das Osmanische Reich) stellt.
Martin Bernal (1987): Black Athena: The Afroasiatic Roots
of Classical Civilization. Bd.1. The Fabrication of Ancient Greece 1785-1985;
dt. - Bd.1 (1992): Schwarze Athene. Die afroasiatischen Wurzeln der griechischen
Antike; wie das klassische Griechenland "erfunden" wurde. München:
List
* Samir Amin (1989): Eurocentrism. London: Zed Books
b. Weiterführende Literatur:
Ein lesenswerter und kurzer Artikel, der auch in der englischen Originalfassung
gut verständlich ist, ist Occidentalism von Avishai
Margalit und Ian Buruma, erschienen in der New York
Review of Books, 17 January 2002, und downloadbar unter http://www.nybooks.com/articles/15100.
Die beiden Autoren konstatieren einen weitverbreiteten "Okzidentalismus",
ein stereotyper und negativer Diskurs über "den Westens" (man
könnte auch sagen: die Moderne), der sich inmitten westlicher Gesellschaften
ebenso findet wie außerhalb deren Grenzen. In ähnlicher Weise wie
der "Orientalismus" den Orient "erfunden" hat (so zumindest
Saids Vorwurf), erfindet der Okzidentalismus einen fiktiven Westen (wobei
durchaus westliche Diskurse, z.B. Idealisierungen des Westens, aufgegriffen
werden).
Ebenfalls sehr zu empfehlen und auch sehr kurz gehalten sind drei Aufsätze
von Immanuel Wallerstein in dem von ihm 1991 erschienen Buch
"Unthinking the Social Sciences" (Cambridge: Polity
Press; auf deutsch erschienen unter dem Titel: "Die Sozialwissenschaften
kaputtdenken"), nämlich "What is Africa?" (pp.127-129),
"Does India exist?" (pp.130-134) und "The Invention of TimeSpace
Realities: Towards and Understanding of our Historical Systems" (pp.135-148).
In allen Aufsätzen geht es darum, dass die scheinbar "objektivsten"
Bezugspunkte von Sozialwissenschaften, Zeit und Raum, durchaus auch historisch
konstruiert sind. Die Bedeutung von Zeit und Raum erschließt sich demnach
erst nach einer gründlichen Analyse der Zeit- und Raumstrukturen. Kalendarische
Zeit bzw. ein rein geographisch verstandener Raum sind hingegen Scheinobjektivitäten,
die ehr verwirren denn erhellen.
Wer nach diesen Titeln immer noch nicht genug hat und einen interessanten
Ansatz dazu kennen lernen möchte, wie die Universalität von Menschenrechten
bzw. von ethischen Normen begründet werden kann, dem sei der Aufsatz
"Menschliches Tun und soziale Gerechtigkeit. Zur Verteidigung
des aristotelischen Essentialismus" der U.S.-amerikanischen
Philosophin Martha Nussbaum empfohlen. Er findet sich in
dem von Micha Brumlik und Hauke Brunkhorst herausgegebenen Sammelband "Gemeinschaft
und Gerechtigkeit", Frankfurt/M: Fischer, 1993, pp.321-361. Sie argumentiert
darin, dass ohne ein Grundverständnis darüber, was Menschsein bzw.
"ein gutes Leben" ausmacht (z.B. in der Form eines Katalogs von
Grundbedürfnissen, die befriedigt sein müssen, um überhaupt
eine Mindestlebensqualität zu haben), Politik notwendigerweise zu einer
reinen Macht- und Interessenspolitik wird und auf dieser Basis letztlich keine
stabile und v.a. als legitim wahrgenommene Ordnung gebaut werden kann.
Zum Androzentrismus/ zur feministischen Wissenschaftskritik stellen Sandra
Hardings 1986 erstmals erschienenes Buch "Feministische
Wissenschaftstheorie" (3. Aufl. der dt. Ausgabe 1999, Hamburg:
Argument Verlag) bzw. ihr erstmals 1991 veröffentlichte Werk "Das
Geschlecht des Wissens" (Frankfurt/M: Campus, 1994) Standardwerke
dar.
Ebenfalls zu empfehlen ist das Werk "Liebe, Macht, Erkenntnis" von
der in der Vorlesung vorgestellten feministischen Wissenschaftlerin Evelyn
Fox Keller, erschienen auf dt. 1986 bei Hanser (Wien), neuaufgelegt
1998 bei Fischer, Frankfurt/M.
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