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Nachlese 2. Einheit (17.10.02)
"[Politische Theorien beanspruchen eigentlich] universelle und bleibende
Fragen der Macht, der Pflicht, der Gerechtigkeit und des Regierens in Begriffen
zu behandeln, die allgemeine und unbedingte Geltung besitzen. Doch sie können
in Wirklichkeit gar nicht anders, als spezifische Antworten auf unmittelbare
Umstände zu geben (...). Das Nachdenken über Politik ist vom Diktat
des Augenblicks (...) bewegt und belebt (...). Politische Theorien sind Leitfäden
im Umgang mit partikularen, akuten und lokalen Problemen."
(Clifford Geertz, Dichte Beschreibung, Frankfurt/M. 1996, 15)
- Die "Disziplin" Ideengeschichte unterliegt historischen Konjunkturen,
ideengeschichtliche Fragestellungen stehen mal weiter im Vordergrund, mal
eher im Hintergrund politikwissenschaftlicher Arbeiten und das auf systematische
Weise. Der Gegenstand von Ideengeschichte ist also gleichzeitig mehr oder weniger
unbegrenzt und begrenzt, nämlich in dem Sinne, dass sich ein Kanon politischer
Texte herausgebildet hat, der für das gegenwärtige Politikverständnis
bzw. für die Analyse moderner Politik als wichtig "erachtet werden".
Ein Kanon ist freilich nie etwas gegebenes, sondern er wird von konkreten
Personen erstellt oder in überlieferter Form, zumindest (und wiederum)
von konkreten Personen und Personengruppen in der Gegenwart akzeptiert. Das
Vorhandensein eines Kanons sowie seine Gestalt (wer ist drin, wer nicht) lässt
selbst wieder Rückschlüsse über das Selbstverständnis
einer wissenschaftlichen Disziplin zu. - Theorien der Politik, so George Sabine ("A History of Political Theory",
Hinsdale: Dryden Press, 41973) und Klaus von Beyme ("Theorie der Politik
im 20.Jh. Von der Moderne zur Postmoderne, Frankfurt/M, 1991), umfassen drei
Operationen: Ideengeschichte kann dazu dienen: - In der Politikwissenschaft wird "das Politische" v.a. auf öffentliche
Lebensbereiche bezogen. Politik bezieht sich auf Prozesse, Diskurse und Entscheidungen,
die im öffentlichen Raum angesiedelt sind, lassen Privates also aus.
- Die Geschichte der deutschen Politikwissenschaft, die Konjunkturen
verschiedener Ansätze und mögliche Systematisierungen derselben
diskutiert Arno Waschkuhn (2002) in seinem Einführungsbuch "Grundlegung
der Politikwissenschaft", München: Oldenburg, pp.5-53.
Thesen, Themen und Materialien zur zweiten Vorlesungseinheit
Geschichte und Gegenwart politischer Ideengeschichte
(1) Ideengeschichte und ihre Konjunkturen
(2) Dimensionen von politischer Theorie/ politischer Ideengeschichte
(3) Zugänge zu und Verwendungsweisen von politischer Ideengeschichte
(4) Was ist politisches Denken?
(5) Literaturtipps zur zweiten Vorlesungseinheit
(1) Ideengeschichte und ihre Konjunkturen
- Warum? Gegenstand politischer Ideengeschichte
sind im Grunde alle Theorien, Texte und Gedankengebäude, die in ihrer
Zeit Politik untersuchten oder politikrelevante Fragestellungen entwickelten,
aber auch solche, die später als politikrelevant rezipiert worden sind.
"Politikrelevant" kann dabei vieles heißen:
> Explizites Theoretisieren von Politik: z.B. indem nach
den Zielen von Politik oder der Organisation der politischen Gemeinschaft
gefragt wird (wie z.B. in Platons Politeia). Selbst bei expliziten Politiktheorie
wird man entdecken, dass das, was unter Politik verstanden wird, über
die Zeit äußerst unterschiedlich ist und vieles was historisch
als politisch verhandelt wurde, erscheint uns heute befremdlich
> Implizites Theoretisieren von Politik: Viele
Texte, seien sie erkenntnistheoretischer, literarischer oder religiöser
Art, haben politische Implikationen - man/frau muss die Texte "nur"
entsprechend lesen. So kann auch z.B. das alte Testament oder Teile davon
als politischer Text gelesen werden, der ideengeschichtlicher Analyse offen
steht wie das etwa der deutsche Politikwissenschaftler und Sozialphilosoph
Hauke Brunkhorst in seiner "Einführung in die Geschichte politischer
Ideen" tut (München: W.Fink, 2000) oder auch der amerikanische Philosoph
Michael Walzer in seinem Buch "Exodus und Revolution" (Frankfurt/M:
Fischer 1995). Für andere - politische und religiöse Bewegungen
- ist das alte Testament ein programmatischer Text, aus dem heraus politische
Forderungen für die Gegenwart gewonnen und erhoben werden.
(Politische) Ideengeschichte kann nun Verschiedenes bedeuten:
(a) Ideengeschichte als historische Wissenschaft (wie Sozialgeschichte,
Wirtschaftsgeschichte usw.), Ideengeschichte als Disziplin
(b) Ideengeschichte als Methode: Arbeiten mit historischen Texten,
um aktuelle politische Probleme und Problemstellungen zu analysieren. Gegenstand
von Kontroversen bzw. wissenschaftsgeschichtlichen Konjunkturen ist eben diese
Lesart von Ideengeschichte, die sich an der Frage entbrannt, welche gegenwärtige
Bedeutung historische Texte haben können/ sollen. Sind sie mehr als nur
ein Propädeutikum (Vorschule) für die "wirkliche" Wissenschaft?
- Der Stellenwert politischer Ideengeschichte hängt
also vom Selbstverständnis gegenwärtiger wissenschaftlicher Strömungen/
Disziplinen ab und davon, was unter Wissenschaft vorgestellt wird, letztlich
als von gegensätzlichen wissenschaftstheoretischen Konzeptionen. Zwei
in der Geschichte der modernen Politikwissenschaft bedeutende Theorieströmungen
seien hier vorgestellt:
Systemtheorien: wichtig für systemtheoretische Ansätze
ist das Denken in Beziehungsnetzen, Systemen, Subsystemen und Funktionen.
Die Systemtheorie erlaubt es, normativ und anderweitig aufgeladene Begriffe
aufzugeben. Gleichzeitig ermöglicht sie besser als anderweitige Theorieströmungen,
in gewisser Weise ähnliche, aber sehr unterschiedlich ausgeprägte
Phänomene (wie Gesellschaften ohne Staat, "Stämme" und
Staat) vergleichend zu untersuchen.
> Soziologische Theorien sozialer Systeme (Talcott Parsons, Niklas Luhmann;
im Anschluss an Parsons Richard Münch) präsentieren umfassende Theorien
der Gesellschaft, die letztere versuchen in einem kohärenten und abstrakten
Theoriegebäude quasi wie mit einem dichten Netz einzufangen. Inspiriert
von biologischen und kybernetischen Systembegriffen, haben historische Texte
keinen wirklichen Wert für die Theorie, außer vielleicht in erkenntnistheoretischer
Hinsicht (als Anknüpfungspunkt für das Theoriedesign)
> Politikwissenschaftliche Systemtheorie (David Easton, 1953): Weniger
umfassend in ihrem Erklärungsanspruch, ebenso abstrakt wie soziologische
Systemtheorie und ebenso statisch/synchron (Gegensatz: dynamisch/ diachron)
in der Terminologie.
Behavioralismus: Positivistische Strömung, dominierte
amerikanische Politikwissenschaft zwischen 1950 und 1970. Orientiert an einem
naturwissenschaftlichen Wissensc haftsverständnis, versuchte der Behavioralismus
(von engl. Behavior = Verhalten), aus der empirischen Wirklichkeit generalisierbare
Aussagen, und in weitere Folge, Theorien politischen Verhaltens zu generieren
(Induktives Vorgehen). Historische Texte galten für den B. einerseits
als überholt (wenn sie empirische Aussagen treffen) bzw. unwissenschaftlich,
anderseits als uninteressant, wenn ihre Stoßrichtung normativer Natur
war (Normative Fragen hätten in einer modernen, empirisch ausgerichteten
Politikwissenschaft keinen Platz)
"Das Ende der Ideologien": Der Systemansatz
und der Behavioralismus hatten beide einen positivistischen, an den Naturwissenschaften
orientierten Wissenschaftsbegriff. Historisch ist ihr Aufkommen auch im Kontext
des Kalten Krieges zu sehen: die westliche Wissenschaft sah sich als "wertfrei"
(Max Weber), auf die Empirie bezogen und als ideologiefrei, während der
marxistisch-leninistischen Wissenschaft (der Sowjetunion und ihrer Satelliten)
und implizit auch westlichen neomarxistischen Strömungen eine ideologische
Haltung vorgeworfen wurde. Das Selbstverständnis westlicher (damaliger)
Sozialwissenschaft lies einige vom "Ende der Ideologien" sprechen,
etwa den amerikanischen Sozialwissenschaftler Daniel Bell ("The End of
Ideology", Glencoe, Ill., 1960), während andere wiederum Ideologien
so definierten, dass die eigene (westliche) Welt und Wissenschaft als ideologiefrei
und die andere - der Ostblock - als ideologisch hingestellt wurden (etwa Edward
Shils, "The concept and function of ideology", in: International
Encyclopaedia of the Social Sciences, Vol.7, 1968; auch Shils spricht vom
"Ende der Ideologien" in seinem auch entsprechend betitelten Aufsatz
"The End of Ideology", in: Encounter 5 (1955), pp.52-58). Auffallend
ist, dass optimistisch-endzeitliche Ideologien (die Ideologie vom Ende der
Ideologien in den Fünfzigern; die Ideologie vom Ende der Geschichte (in
der Folge von Francis Fukuyama, ) nach 1989 jeweils in Umbruchphasen aufkamen
(im Kalten Krieg einerseits, nach dem Ende des kalten Krieges andererseits).
- Neue Bedeutung politischer Theorie seit den 1970ern, v.a. auch normative
Fragestellungen (die Gerechtigkeitsdiskussionen in der amerikanischen politischen
Philosophie, der bekannteste Vertreter ist John Rawls mit seiner 1971 erstmals
vorgestellten Theorie der Gerechtigkeit)
(2) Dimensionen von politischer Theorie/ politischer Ideengeschichte
1. Feststellungen über politische Tatsachen, über das, was
ist.
2. Feststellungen über kausale Beziehungen, verbunden mit Prognosen über
das, was wahrscheinlich in Zukunft sein wird.
3. Schlüsse über wünschenswerte Entwicklungen und Reflexionen
über das, was sein soll.
- Historische politische Theorien "funktionieren" nicht anders.
Die Geschichte der politischen Theorien ist, wird sie "realistisch"
wahrgenommen, eine "Geschichte der Auseinandersetzung Intellektueller
mit der sie umgebenden politischen Situation"; sie ist mitnichten eine
Chronik einer "makellosen Parade von Lehrmeinungen, die von der Logik
der Ideen in Gang gehalten wird" (Clifford Geertz, "Dichte Beschreibung",
Frankfurt/M. 1996, 15).
- Politische Ideen können also in völlig verschiedenen Erkenntniszusammenhängen
von Interesse sein:
> So können sie einmal im genauen Zeitkontext ihrer Entstehung untersucht
und beurteilt werden,
> es kann die Rekonstruktion des Verlaufes der Rezeption durch verschiedene
Denker oder politische Strömungen von Interesse sein oder
> es soll etwa überprüft werden, ob alte Ideen für neue,
zur Zeit ihrer Entstehung nicht vorhersehbare politische Zwecke anwendbar
oder modifizierbar sind.
Wichtig ist jedoch, ganz präzise zwischen verschiedenen Ebenen zu unterscheiden,
nämlich
> der Dimension realer politischer Geschichte
(z.B. die Ereignisse der Französischen Revolution, der napoleonischen
Kriege, des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges),
> der Dimension der Funktion wie des konkreten
Entstehungszusammenhanges politischer Ideen
(z.B. Kants Idee vom ewigen Frieden und die Bewältigung der Kriegssituation
seiner Zeit, die Marxsche Theorie und die Ära der industriellen Revolution),
> der Dimension der Begriffs- und Theoriegeschichte
(z.B. Entstehung des modernen Staates, Aufklärung und die Folgen für
Vernunft und Wissenschaft, Systemtheorie als gesamtgesellschaftlicher Theorieentwurf
in Konkurrenz zu den bis dahin komplexeren marxistischen Gesellschaftstheorien),
> der Dimension politischer Rezeptionsgeschichte
(z.B. die mehr als widersprüchliche Rezeption/Instrumentalisierung von
Fichte oder Hegel, die Bedeutung politischen Denkens Max Webers und Carl Schmitts
für präfaschistisches Denken)
> aber auch die Dimension der (Politik-)Wissenschaftsentwicklung
(3) Zugänge zu und Verwendungsweisen von politischer Ideengeschichte
a) einen Überblick über die Vielfalt und den Bedeutungsgehalt
politischer Ideen über die Zeit zu erhalten;
b) eine Vorstellung der Geschichte einer Idee (z.B. der Universität)
bzw. eines Begriffs (z.B. Freiheit) zu bekommen;
c) einen Überblick über die historische
Ausformung politischer Ideen und ihren Zusammenhang mit
i. realen historischen Entwicklungen (z.B. Aristoteles als Theoretiker
der "Krise" der athenischen Polis; Zusammenhang von französischer
Revolution und der modernen Idee des Staatsbürgers...)
ii. dem sozialen Kontext ihrer Entstehung zu erhalten (z.B. politische
Bürgerrechte im Kontext der Wehrpflicht von Männern...);
d) zu einem Verständnis von Kontinuitäten und Diskontinuitäten/
Verschiebungen/ Konjunkturen etc. zu kommen (Welche historische Begriffe/
Konzepte/ Ideen werden aufgegriffen? Aus welchem Zusammenhang kommen sie?
Wie werden sie aufgegriffen?)
e) aktuelle Spiegelungen und Bezüge
herzustellen (z.B. anlässlich von Afghanistan: was heißt Souveränität?
Worauf beziehen sich Menschenrechte? Wie ist das Verhältnis von Staat
und Religion?
f) Rückprojektionen aufzudecken;
g) Zu einem besseren Verständnis von Grundbegriffen und Kernkonzepten
der Politikwissenschaft zu gelangen;
h) die Herkunft von Begriffen/ Konzepten aufzuzeigen und
den Kontext ihrer Entstehung aufzuzeigen/ sie als Resultat historischer
Konfliktlagen sehen zu können
i) den Blick für Auslassungen und Verzerrungen zu schärfen
(Partikularismus, Universalismus; Rassismus, Sexismus, Androzentrismus, Eurozentrismus,
Orientalismus, Islamismus usw.)
(4) Was ist politisches Denken?
Gleichzeitig:
> ist die Grenze zwischen "privat" und "öffentlich"
nicht klar festgelegt und unterliegt ihrerseits Verschiebungen (z.B.:
durch die Schulpflicht wurde in das vormalig "private" Anrecht der
Eltern, ihre Kinder nach ihrem Gutdünken zu erziehen, eingegriffen; indem
Vergewaltigung in der Ehe Anfang der Neunziger Jahre unter Strafe gestellt
wurde, wurde auch "Intimes" staatlicher Regulierung unterworfen
> bestehen Interdependenzen (Zusammenhänge, Querverbindungen)
zwischen Privatem und Öffentlichem
> ist auch der private Raum nicht herrschaftsfrei. Auch und gerade
im Privaten gibt es Herrschafts- und Machtbeziehungen, die (meist)
freilich nicht als politisch relevant betrachtet werden, aber mit Macht- und
Herrschaftsbeziehungen im öffentlichen Raum in vielerlei Hinsicht zusammenhängen.
Die Öffentlichkeit ist kein einheitlicher Raum, es bestehen
vielmehr verschiedene Abstufungen und Teilöffentlichkeiten.
- Politisches Denken kann nach den Zielsetzungen dieses Denkens unterschieden
werden (konservativ-affirmativ, kritisch, progressiv, revolutionär, reaktionär...)
- Zuletzt kann politisches Denken nach dem Abstraktionsgrad unterschieden
werden. Drei Abstraktionsniveaus können unterschieden
werden:
1. die Ebene politischen Alltagsdenkens
2. die Ebene von "Experten", d.h. die Ebene des Diskurses von professionell
mit Politik befassten Personenkreisen - Journalisten, politischen Akteuren
in formellen Zusammenhängen (Parteipolitiker, Abgeordnete, Gemeinderäte,
Sektionschefs...) und in informellen Kontexten (Bürgerinitiativen, Demo-Teilnehmer....)
3. die Ebene theoretischer politischer Erörterung.
(5) Literaturtipps zur zweiten Vorlesungseinheit
- Wer Lust hat, eine recht treffende, gleichzeitig sehr tendenziöse
Analyse der amerikanischen Politikwissenschaft in der Hochzeit des Positivismus
zu lesen, soll einmal in die DDR Publikation "Politologie in den USA. Zur
Kritik imperialistischer Machtkonzeptionen" (hsg. Von W.G.Kalenski, R.Mocek,
B.P.Löwe, Berlin: VEB. Deutscher Verlag der Wissenschaften) hineinschmökern.
- Zur Geschichte der Politikwissenschaft gibt es eine tabellarische Aufstellung
der zur Entwicklung der Disziplin in den USA, Deutschland und Österreich
unter http://sinn-haft.at/politik/powi/material/powi_disziplin.html