Ringvorlesung Critical Governance Studies. Zur Theorie und Transformation des Staates.
Die politikwissenschaftliche Governance-Debatte ist ein Beispiel für eine einerseits nachholende, politische Wirklichkeit einfangende Begriffsbildung. Sie ist aber andererseits auch eine intervenierende Begriffs- und Konzeptbildung: Tauchte der Begriff zunächst als ein politischer Begriff mit einer spezifischen Zielrichtung internationaler Politik auf („Commission on Global Governance“), so eignete sich die Politikwissenschaft den Begriff an – nicht zuletzt auch aus der Ökonomie –, um damit wissenschaftlich und begriffspolitisch einzugreifen in Veränderungen von (National-)Staatlichkeit und die Krise der repräsentativen Demokratie. Das Konzept Governance berührt sowohl die Verlagerung von staatlicher Entscheidungskompetenz auf die internationale Ebene wie z.B. die EU als auch die neoliberale Verschlankung des Staates, seine Privatisierung und Deregulierung. Governance ist darüber hinaus einzubetten in Diskussionen um „Post-Demokratie“, also um Demokratiedefizite in westlich-liberalen Staaten, aber auch in supra-nationalen Regimen wie der EU.
Die Politikwissenschaft ist seit knappen zehn Jahren darum bemüht, Governance zu einem neuen politikwissenschaftlichen Paradigma aufzuarbeiten. Governance hat in diesen Debatten eine normative Dimension (Good Governance), es wird als deskriptives, beschreibendes Konzept verwendet; ihm wird aber auch analytische Kompetenz zugeschrieben. Governance sei also eine Analysekategorie, die in der Lage ist, die Ursachen aktueller Transformationen zu erfassen. WissenschaftlerInnen dieser Richtung wollen mit der Governance-Perspektive insbesondere aktuelle Policy-Prozesse und aktuelle politische Entscheidungen erklären – und zwar über eine bloße Steuerungsperspektive hinaus.
Governance als ein analytisches Konzept betrachtet – im Unterschied zu bisherigen Policy-Konzepten – nicht nur den Entscheidungsmodus „Hierarchie“ (des Staates), sondern weitere Modi des Entscheidens in Netzwerken (public-private-cooperation) sowie durch Wettbewerb bzw. Markt. Mechanismen politischer Entscheidungsprozesse seien daher nicht mehr nur – wie in der früheren Steuerungstheorie angenommen – Steuerung von oben, sondern Verhandeln, Bargaining, Anpassen und Überzeugen.
Diese Ausprägung der Governance-Debatte des politikwissenschaftlichen Mainstreams deutet darauf hin, dass damit auch aktiv das Verhältnis von Staat, Gesellschaft und Ökonomie, von öffentlich und privat also, re-definiert wird. Ist also Governance ein neoliberales Konzept, oder – etwas neutraler formuliert – haben wir es mit einer Begriffsstrategie zu tun, die neoliberale politische Verhältnisse in ihrer Ambivalenz von weniger staatlicher Regulierung und gouvernementalistischer Mobilisierung von BürgerInnen zu rechtfertigen sucht? Dies wird besonders deutlich daran, dass dem Konzept Governance Begriffe wie Macht und Herrschaft eher fremd sind. Taugt also das Konzept Governance überhaupt als ein kritischer Begriff, dem es darum geht, Macht- und Herrschaftsverhältnisse, Ungleichheitsverhältnisse und Marginalisierungen zu analysieren, zu kritisieren und mithin zu beseitigen?
Um diese – und weitere – Fragen zu beantworten, sollen in der Vorlesung unterschiedliche Governance-Konzepte vorgestellt werden. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf staatstheoretisch-kritischen und geschlechterkritischen Perspektiven, die eine herrschafts- und machtkritische Sicht auf den politischen Handlungsraum „Governance“ eröffnen.
Alternierend zu eher theoretisch-konzeptuellen Vorträgen soll an aktuellen Policy-Bereichen wie beispielsweise soziale Sicherheit, Geschlechterpolitik, Migrationspolitiken und Ökologie das Analyse- und Erkenntnispotential von „Governance“ geprüft werden.
Die ReferentInnen sind – neben den in Wien ansässigen – im internationalen Raum anerkannte Politik- bzw. SozialwissenschaftlerInnen, die sich kritisch mit dem Konzept Governance auseinandersetzen bzw. im Bereich kritischer Staats-, Demokratie- und Geschlechtertheorie ausgewiesen sind oder ein Politikfeld mit einer kritischen Governance-Perspektive ausleuchten.
Zum Aufbau der Vorlesung:
Alle Vortragenden werden einen Basistext bis zum Beginn des Semesters zur Vorbereitung schicken. Die Basistexte zur Vorlesung werden auf Fronter zum Download zur Verfügung gestellt.
Alle Vorträge werden als Einstieg in eine Diskussion kurz kommentiert. Im Anschluss an Vortrag und Kommentar gibt es eine Diskussion.
Ort: Hörsaal 33 HG
Zeit: Mo, 18:00 - 20:00
Die PowerPoint-Präsentationen sowie die Basisliteratur zur Vorlesung finden Sie auf der Fronter-Seite (Anmeldung über den link im KoVo).
Prüfungstermine
Der 2. Prüfungstermin findet am
Montag, dem 27.09.2010 von 15.00 – 16.30 Uhr s.t. im Hs. I, NIG (Erdgeschoss) statt.
Der 3. Prüfungstermin findet am
Mittwoch, dem 3. 11.2010 von 16.45 – 18.15 Uhr s.t. im Hs. 42 (Hauptgebäude) statt.
Der 4. Prüfungstermin findet am
Freitag, dem 17.12.2010 von 13.15 – 14.45 Uhr s.t. im Hs. III, NIG (Erdgeschoss) statt.
Prüfungsstoff ist der Inhalt der Vorlesungen.
Bezüglich der Einheiten, zu denen Texte angegeben wurden, die nicht von den Vortragenden selbst verfasst wurden, beachten Sie bitte besonders auch die entsprechenden PP-Folien.
Die Prüfung wird aus vier Essay-Fragen bestehen, von denen drei beantwortet werden müssen.